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Afri­ka­ni­sche Kon­flikte – kin­der­leicht erklärt? Die Kony-Kampagne von Invi­si­ble Children

Die Kony-Kampagne von Invisible Children

Seit März 2012 ist eine wahre Klickoma­nie zum „Kony 2012“-Film aus­ge­bro­chen, der im Inter­net inner­halb weni­ger Tage über 100 Mil­lio­nen Mal geviewed, geli­ked und get­wit­tert wurde. In dem knapp ein­stün­di­gen, extrem emo­tio­na­li­sie­ren­den Video der US-amerikanischen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion Invi­si­ble Child­ren erklärt deren Grün­der und Regis­seur des Clips, Jason Rusell, sei­nem vier­jäh­ri­gen Sohn einen Kon­flikt im zen­tral­afri­ka­ni­schen Land Uganda. Das Drama des Kon­flik­tes um die Rebel­len­ar­mee der Lord’s Resis­tance Army und ihren Anfüh­rer Joseph Kony wird anhand der Figur des ehe­ma­li­gen Kin­der­sol­da­ten Jacob per­so­ni­fi­ziert und das gesamte Leid in den Trä­nen des Kin­des ver­dich­tet. Der vier­jäh­rige Sohn ist es dann auch, der die Lösung für das Pro­blem lie­fert: Kony, der „böse Mann“, muss weg! Sogleich bie­tet Rus­sell dafür auch den Weg: Durch das Wei­ter­ver­brei­ten des Videos, das Bestel­len eines mit Pos­tern, Sti­ckern und Arm­bän­dern gefüll­ten Action Kits und einer welt­wei­ten Pla­ka­tier­ak­tion (Kony ist dar­auf neben Hit­ler und Bin Laden abge­bil­det) würde der War­lord den­sel­ben Bekannt­heits­grad erlan­gen wie George Cloo­ney. Dies dränge Poli­ti­ker (v.a. aus den USA) zum Ein­grei­fen und schon sei das Pro­blem gelöst und alle Kin­der­sol­da­ten könn­ten nach Hause.

Invi­si­ble Child­ren fei­ert die gegen­sei­tige Unter­stüt­zung inner­halb der „Welt­ge­mein­schaft“ dank sozia­ler Ver­net­zung im Inter­net und ord­net die Kony-Aktion als höchst geschichts­träch­tig ein („We are shaping human history“). Bei genaue­rer Betrach­tung bringt die „kin­der­leichte“ Anlei­tung zur Welt­ver­bes­se­rung aber ein gan­zes Bün­del pro­ble­ma­ti­scher Kate­go­ri­sie­run­gen auf den Tisch, wofür das Video bereits viel­fach kri­ti­siert wurde. Eine Kri­tik davon ist v.a. inhalt­li­cher Art, die Rus­sell eine Ver­fäl­schung der Fak­ten vor­wirft. So sei sein Film­ma­te­rial bereits 10 Jahre alt und die ugan­di­schen Ver­hält­nisse inzwi­schen ganz andere: In dem dar­ge­stell­ten Dorf wie auch im Rest des Lan­des sei längst Nor­ma­li­tät ein­ge­kehrt und Kony habe sich mit den übrig­ge­blie­be­nen LRA-Kämpfern in benach­barte Län­der zurückgezogen.

Eine andere Kri­tik fokus­siert die Art der Dar­stel­lung. Mit emo­tio­na­li­sie­ren­den Bil­dern, einem voy­eu­ris­ti­schen Blick auf das Leid des trau­ma­ti­sier­ten Kin­des, einem pathe­ti­schen Spre­cher und der ent­spre­chen­den musi­ka­li­schen Unter­ma­lung wür­den Mit­leid und Betrof­fen­heit beim Betrach­ter auf­ge­löst. Diese Emo­tio­nen wür­den sogleich mit­tels kon­kre­ter Hand­lungs­an­wei­sun­gen kana­li­siert. Zeit und Raum für eine kom­plexe Dar­stel­lung und aus­führ­li­che Ana­lyse des ugan­di­schen Kon­flik­tes wür­den nicht geboten.

Eine dritte Kri­tik betrifft die im gesam­ten Clip impli­zite Über­le­gen­heits­hal­tung „west­li­cher“ bzw. US-amerikanischer Insti­tu­tio­nen. Wäh­rend Uganda durch­weg als „no man’s land“ dar­ge­stellt wird, in wel­chem west­li­che Mächte nach Belie­ben inter­ve­nie­ren kön­nen, bzw. dazu sogar ver­pflich­tet sind, wer­den die Ursa­chen und Wur­zeln des Kon­flik­tes und seine sozio-ökonomischen Dimen­sio­nen nicht erwähnt. Die Reduk­tion des hoch kom­ple­xen, geschicht­lich und regio­nal tief ver­wur­zel­ten Kon­flikts wird durch die Kon­zen­tra­tion auf eine ein­zige Per­son ver­stärkt: Kony, als Ver­kör­pe­rung alles Bösen. Der Rest der ugan­di­schen Bevöl­ke­rung wird durch den klei­nen, trau­ma­ti­sier­ten Jacob ver­tre­ten, der hilf­los und auf fremdes Ein­grei­fen ange­wie­sen wirkt. Lokale Frie­dens­in­itia­ti­ven, regio­nale Orga­ni­sa­tio­nen oder Regie­rungs­or­gane wer­den als Exper­ten zur Lösung ihrer eige­nen Pro­bleme igno­riert. Dass Kon­flikt­lö­sungs­stra­te­gien, die dem spe­zi­fisch ugan­di­schen Kon­text ent­wach­sen sind, am ange­mes­sens­ten sein könn­ten, wird gar nicht erst bedacht. In der Figur des klei­nen Soh­nes gip­felt schließ­lich die Über­le­gen­heits­me­t­ha­pho­rik: Die zen­tral­afri­ka­ni­schen Pro­bleme schei­nen so sim­pel zu sein, dass sie sogar ein Vier­jäh­ri­ger ver­steht. Gleich­zei­tig erscheint die „schwarze“ Bevöl­ke­rung seit Jahr­zehn­ten nicht zu dem fähig, was ein klei­ner „wei­ßer“ Junge im Hand­um­dre­hen schafft: eine Lösung finden.

Weit weni­ger wurde bis­her aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen, wie sich diese kolo­niale Denk­weise auch in der Akti­ons­form mani­fes­tiert. Die in dem Film pro­pa­gierte Gleich­heit aller Men­schen mit­tels sozia­ler Netz­werke und des Inter­nets („The people of the world see each other and can pro­tect each other”) ver­schlei­ert die unglei­chen Macht­ver­hält­nisse und Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men, die in und durch die vir­tu­elle Welt herr­schen. Im Umkehr­schluss bedeu­tet dies, dass zu den rele­van­ten „people of the world“ eben nur jene zäh­len, die einen Inter­net­zu­gang besit­zen und sich selbst­si­cher in sozia­len Netz­wer­ken bewegen.

Pro­ble­ma­tisch ist auch die Weise, in der das Video das Ein­grei­fen der Super­po­li­zei USA in Uganda als All­heil­mit­tel dar­stellt. Eine Szene zeigt eine Spe­zi­al­ein­heit von US-Soldaten, die die US-Administration angeb­lich auf Drän­gen von Invi­si­ble Child­ren in Uganda ein­ge­setzt hat. Eine Stimme aus dem Off lie­fert die Legi­ti­mie­rung für die­sen Ein­satz: „Because people deman­ded it. Not because of self-defense. But because it was right“. Die Will­kür die­ser Legi­ti­ma­ti­ons­stra­te­gie ist bedenk­lich. Expli­zit wer­den völ­ker­recht­li­che Grund­sätze zuguns­ten einer Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Argumentation überg­an­gen. Dabei bleibt unklar, was der Zweck, was „right“ genau ist. Der­selbe Aus­schnitt zeigt US-Soldaten, die in Uganda mit Flagge posie­ren, und glo­ri­fi­ziert damit gera­dezu eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion. Beden­kens­wert ist, mit wel­chem Selbst­ver­ständ­nis hier unhin­ter­fragt für eine sol­che Inter­ven­tion gewor­ben wird. Ebenso frag­wür­dig ist die Wer­bung für den Lord’s Resis­tance Army Cri­sis­tra­cker – das Online­tool ver­spricht dem inter­es­sier­ten Inter­net­nut­zer: „Be up-to-date what hap­pens in the war­zone“. So kön­nen Anhän­ger der Kony-Kampagne nicht nur vom Schreib­tisch­ses­sel aus die Welt ver­bes­sern, son­dern auch gleich live aktu­elle Ent­wick­lungen in der Kampf­zone mitverfolgen.

Die Kony-Kampagne ist ein wei­te­res Bei­spiel für die Dar­stel­lung eines „hilfs­be­dürf­ti­gen Afrika“, dem eine „hilfs­be­reite west­li­che Welt“ gegen­über­ge­stellt wird. Mit die­ser ste­reo­ty­pen und stark ver­ein­fa­chen­den Dar­stel­lung knüpft der Film an kolo­niale Denk­mus­ter an, mit denen afri­ka­ni­sche Gesell­schaf­ten zu Objek­ten der von wei­ßen Sub­jek­ten gelenk­ten Geschich­ten gemacht wer­den. Die Deu­tungs­ho­heit liegt ein­sei­tig im „Wes­ten“, der sich sein hilfs­be­dürf­ti­ges „Ande­res“ selbst schafft. Krieg, Hun­ger und Leid erschei­nen als „typisch afri­ka­ni­sche“ Phä­no­mene, wel­che von den Betrof­fe­nen selbst weder ver­stan­den noch gelöst wer­den kön­nen. Dazu ist angeb­lich nur der „Wes­ten“ in der Lage, womit er sich in die mora­li­sche Pflicht setzt, ein­zu­grei­fen. Damit stellt sich die Kony-Kampagne in die Tra­di­tion der west­li­chen Kolo­ni­sie­rungs– und „Zivi­li­sie­rungs­mis­sio­nen“ des 19. Jahrhunderts.

Jan Die­bold, Frie­de­rike Faust, Diana Grie­sin­ger (2012)