Orlanda Verlag

Buch­emp­feh­lung: Euer Schwei­gen schützt Euch nicht

Peggy Pie­sche (Hg.). Euer Schwei­gen schützt Euch nicht: Audre Lorde und die Schwarze Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land. Ber­lin: Orlanda 2012. (19,50 €)

Buch­emp­feh­lung

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»I’ve never thought of Afro-German as a posi­tive con­cept before«, she said, speaking out of the pain of having to live a dif­fe­rence that has no name, speaking out of the gro­wing power self-scrutiny has for­ged from that dif­fe­rence.
(Audre Lorde, Vor­wort zu Farbe beken­nen, 1986)

Audre Lorde ist als afro­ame­ri­ka­ni­sche Dich­te­rin und Akti­vis­tin eine zen­trale Figur der US-amerikanischen Frau­en­be­we­gung, die schon früh die Domi­nanz wei­ßer Mittelschicht-Frauen im Femi­nis­mus der Zwei­ten Welle (ab den 1960er Jah­ren) kri­ti­sierte und auf die Beson­der­heit der Situa­tion Schwar­zer (und les­bi­scher) Frauen auf­merk­sam machte. Sie ist hierin eine der Begrün­de­rin­nen des Inter­sek­tio­na­li­tät–Ansat­zes, der seit den spä­ten 1980er Jah­ren in den Gen­der Stu­dies und dar­über hin­aus wach­sende Ver­brei­tung findet.

Audre Lor­des Ver­bin­dung zu Deutsch­land hin­ge­gen ist weni­ger bekannt – doch das kann sich nun ändern. 2012 – im Geden­ken an Lor­des 20-jährigen Todes­tag – brachte zunächst Dag­mar Schultz einen sehr berüh­ren­den und per­sön­li­chen Doku­men­tar­film her­aus, der in vie­len alten Auf­nah­men und neuen Inter­views das Wir­ken von Audre Lorde wäh­rend ihrer Berlin-Aufenthalte in den 1980er Jah­ren nach­zeich­net, als sie eine Gast­pro­fes­sur an der FU wahr­nahm. Eben­falls 2012 erschien im Orlanda Ver­lag das vor­lie­gende Buch Euer Schwei­gen schützt Euch nicht: Audre Lorde und die Schwarze Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land. Die von Peggy Pie­sche zusam­men­ge­stellte und ein­ge­lei­tete Text­samm­lung gibt einen tie­fen Ein­blick in die Anfänge der Schwar­zen (Frauen)Bewegung in Deutsch­land und in die Rolle, die Audre Lorde für sie spielte.

In ihren Semi­na­ren, Vor­trä­gen und Lesun­gen schuf Audre Lorde in den 80er Jah­ren in Ber­lin Räume, in denen Schwarze Deut­sche zusam­men­ka­men. Aus der Begeg­nung mit ande­ren, die ihre Erfah­run­gen teil­ten, bil­de­ten sie eine gemein­same Stimme und die Grund­lage einer gemein­sa­men Iden­ti­tät. Diese mün­dete einer­seits in die Grün­dung der Schwar­zen Orga­ni­sa­tio­nen ISD (Initia­tive Schwar­zer Men­schen in Deutsch­land) und ADE­FRA (Schwarze Frauen in Deutsch­land) und drückte sich ande­rer­seits in Ver­öf­fent­li­chun­gen wie dem von May Ayim her­aus­ge­ge­be­nen Band Farbe beken­nen (1986) oder den Zeit­schrif­ten Afrekete und Afro-Look aus. Die Zusam­men­stel­lung der Texte in die­sem Band zeich­net nicht nur diese „Kol­lek­ti­vie­rung“ (Mai­sha Eggers) auf natio­na­ler Ebene nach, son­dern stellt im Dia­log mit den Tex­ten Audre Lor­des, ähnlich wie in der per­sön­li­chen Begeg­nung mit ihr und durch sie, auch the­ma­ti­sche und ästhe­ti­sche Bezüge zu Schwar­zen und femi­nis­ti­schen Bewe­gun­gen in ande­ren Län­dern und Kon­tex­ten her – ganz im Sinne von Audre Lor­des Vision einer trans­na­tio­na­len Schwar­zen Dia­spora, „in con­cert with other Afro-Europeans, Afro-Asians, Afro-Americans“ (Audre Lorde, Vor­wort zu Farbe beken­nen).

So eng wie poli­ti­scher Akti­vis­mus mit krea­ti­vem Schaf­fen, wie das Fin­den einer poli­ti­schen Stimme mit der dich­te­ri­schen für viele Schwarze Frauen ver­bun­den war, so eng ste­hen in die­ser Samm­lung essay­is­ti­sche Texte und künst­le­ri­sche Pro­duk­tio­nen neben­ein­an­der, ergänzt durch zeit­ge­schicht­li­che Doku­mente wie Fotos und Inter­views. Damit geben sie Ein­bli­cke in das breite und viel­sei­tige Spek­trum der Schwar­zen Bewe­gung in Deutsch­land. Die Antho­lo­gie ist damit ein bedeu­ten­des Zeug­nis der – wie Peggy Pie­sche in ihrer Ein­lei­tung schreibt – „literarische[n], textualisierte[n] Ver­an­ke­rung der Schwar­zen Bewe­gung in Deutschland“.

Der Band eröff­net neue Per­spek­ti­ven auf die Deut­sche Geschichte (wie bspw. May Ayims ein­drucks­volle Gedan­ken zur Deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung) ebenso wie dar­auf, was Deutsch-Sein, Frau-Sein, Haut­farbe oder Hei­mat bedeu­tet. Die unter­schied­li­chen Text­for­mate von Gedicht über Essay, Inter­view und stär­ker aka­de­mi­schen Reflek­tio­nen (wie Pie­sches Ein­füh­rung oder Mai­sha Eggers Bei­trag über „Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­tiale, krea­tive Macht und Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit einer kri­ti­schen Dif­fe­renz­per­spek­tive“) bie­ten eine schöne, immer wie­der auch schmerz­hafte und ins­ge­samt sehr auf­schluss­rei­che Lek­türe, die einen opti­ma­len Ein­stieg in eine tie­fer­ge­hende Beschäf­ti­gung mit der Schwar­zen (Frauen)Bewegung in Deutsch­land ermöglicht.

“The words of these Black Ger­man women docu­ment their rejec­tion of des­pair, of blind­ness, of silence. Once an opp­res­sion is expres­sed, it can be suc­cess­fully fought.” (Audre Lorde, Vor­wort zu Farbe beken­nen)

Corinna Ass­mann

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Siehe auch unsere Ver­an­stal­tung mit Film­vor­füh­rung von „Audre Lorde — The Ber­lin Years“