Wandgemälde Kingston, Jamaica. von Patrick Helber

Dance­hall ina ›Germaica‹

Entertainment, kulturelle Aneignung und Homophobie in der deutschen Reggae-Szene

Seit 2003 gibt es in Nord­ame­rika und Europa immer wie­der Anti-Homophobie-Kampagnen gegen die Auf­tritte von Reg­gae– und Dancehall-Entertainer_innen aus Jamaika. Oft wer­den Kon­zerte auf­grund des öffent­li­chen Drucks von Orga­ni­sa­tio­nen für die Rechte von Les­ben, Schwu­len, Bi-, Trans– und Inter­se­xu­el­len abge­sagt. Diese argu­men­tie­ren, dass die aggres­sive Ableh­nung von Homo­se­xu­el­len auf Jamaika unter ande­rem durch die homo­pho­ben Dancehall-Lyrics auf­recht­er­hal­ten wird. Hauptakteur_innen auf der inter­na­tio­na­len Ebene waren dabei die bri­ti­sche LGBTI[1]-Organisation OUTRAGE! und deren Spre­cher Peter Tat­chell. Sie mach­ten gemein­sam mit der 2004 gestar­te­ten Kam­pa­gne Stop Mur­der Music welt­weit auf die anti-homosexuellen Dancehall-Lyrics sowie die gefähr­li­chen Lebens­be­din­gun­gen von Homo­se­xu­el­len auf der Kari­bik­in­sel auf­merk­sam. Mit­ge­tra­gen wurde die Kam­pa­gne von J-FLAG (Jamaica Forum for Les­bi­ans, All-Sexuals and Gays), der ein­zi­gen jamai­ka­ni­schen Orga­ni­sa­tion für die Rechte von Homo-, Bi-, Trans– und Inter­se­xu­el­len. Da homo­phobe Ein­stel­lun­gen in der jamai­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung weit ver­brei­tet sind, war der Akti­ons­raum von J-FLAG lange Zeit beschränkt, wäh­rend OUTRAGE! im Zen­trum der media­len Auf­merk­sam­keit stand. Fälsch­li­cher­weise wurde so der Ein­druck ver­mit­telt, inter­na­tio­nale Aktivist_innen wür­den Jamaikaner_innen ihre Ansich­ten aufzwingen.

Wandgemälde Kingston, Jamaica. von Patrick Helber

Wand­ge­mälde Kings­ton, Jamaica. von Patrick Helber

Sänger_innen und Deejays aus Jamaika haben ins­be­son­dere in den 1990er-Jahren Lyrics geschrie­ben und auf­ge­führt, die sich extrem gewalt­tä­tig gegen Homo­se­xua­li­tät aus­spre­chen oder die bru­tale Ermor­dung von Homo­se­xu­el­len befür­wor­ten. Homo­pho­bie hat in Jamaika aber eine erheb­lich län­gere Tra­di­tion. Eine zen­trale Rolle spie­len dabei der euro­päi­sche Kolo­nia­lis­mus und die Plan­ta­gens­kla­ve­rei. Jamaika war Jahr­hun­derte lang eine bri­ti­sche Kolo­nie, in der Schwarze Sklav_innen unter unmensch­li­chen Bedin­gun­gen dazu gezwun­gen wur­den, Reich­tum für das bri­ti­sche Empire zu erwirt­schaf­ten. Das Gesetz gegen Anal­ver­kehr, das heute in Jamaika den juris­ti­schen Boden für die gesell­schaft­li­che Aus­gren­zung schafft, wurde von bri­ti­schen Kolonialist_innen im Zuge der Chris­tia­ni­sie­rung der Sklav_innen ver­ab­schie­det. Sexu­al­ge­setze waren ein wesent­li­cher Bestand­teil des Kolo­nia­lis­mus und Aus­wüchse eines ras­sis­ti­schen Den­kens, das Schwarze Men­schen sexua­li­sierte und sie als Gefahr für die ›zivi­li­sierte‹ Sexua­li­tät der Kolonialist_innen wahr­nahm. Als Jamaika 1962 unab­hän­gig wurde, blie­ben die Gesetze als Erbe des Kolo­nia­lis­mus, erhal­ten.
Auf der Insel kam es in den letz­ten Jah­ren immer wie­der zu töd­li­chen Überg­rif­fen auf Schwule und Les­ben. Beson­ders homo­se­xu­elle und als ver­weib­licht wahr­ge­nom­mene Män­ner sind in der Öffent­lich­keit Bedro­hun­gen aus­ge­setzt. Homo­se­xu­elle Frauen wer­den dage­gen kaum als Bedro­hung für die Herr­schaft des Patri­ar­chats wahr­ge­nom­men, aber auch bei ihnen gehört Dis­kri­mi­nie­rung zum Alltag.

In deut­schen Medien wird das Thema Homo­pho­bie in der jamai­ka­ni­schen Popu­lär­mu­sik all­jähr­lich zur Fes­ti­val­sai­son the­ma­ti­siert. In der hie­si­gen Reg­gae– und Dancehall-Szene hat lange Zeit kaum eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit homo­pho­ben Tex­tin­hal­ten statt­ge­fun­den. Statt­des­sen machen hier­zu­lande unter­schied­li­che poli­ti­sche Grup­pie­run­gen und LGBTI-Organisationen auf homo­phobe Texte eini­ger jamai­ka­ni­scher Künstler_innen auf­merk­sam. Sowohl die inter­na­tio­nale Kam­pa­gne als auch die Aktio­nen in Deutsch­land rich­ten sich expli­zit gegen Battyboy-Tunes[2]. Bei öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen ste­hen sich Befürworter_innen und Gegner_innen der Musik oft mit ähnli­chen, von essen­tia­lis­ti­schem Den­ken gepräg­ten Argu­men­ta­ti­ons­wei­sen gegen­über. Dass es auf Jamaika homo­se­xu­elle und hete­ro­se­xu­elle Gegner_innen der Homo­pho­bie gibt, wird häu­fig von bei­den Sei­ten aus­ge­blen­det. Queers of Color, Men­schen, die sowohl von Homo­pho­bie als auch von Ras­sis­mus betrof­fen sind, neh­men sie nicht wahr. Viele Fans und Soundsystembetreiber_innen hal­ten die anti-homosexuellen Inhalte für einen grund­le­gen­den Teil jamai­ka­ni­scher Kul­tur und damit für unver­än­der­lich und gerecht­fer­tigt. Zahl­rei­che weiße LGBTI-Verbände hin­ge­gen stig­ma­ti­sie­ren Jamaika oft, wie im TIME-Magazin 2006, als »den homo­phobs­ten Ort der Welt« und ver­tre­ten damit eine ver­gleich­bar ein­di­men­sio­nale Perspektive.

Sol­cher­lei redu­zierte Dar­stel­lun­gen repro­du­zie­ren letzt­end­lich eine kolo­niale Zwei­tei­lung der Welt. Diese birgt keine Ermäch­ti­gung für mehr­fach dis­kri­mi­nierte Men­schen, son­dern dient erneut dazu, sich selbst auf Kos­ten der ver­meint­lich ›Ande­ren‹ als ›modern‹ oder ›zivi­li­siert‹ dar­zu­stel­len. Homo­phobe und ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen in der wei­ßen deut­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft wer­den dabei wenig beachtet.

Auch im Früh­jahr 2013 stößt eine Debatte um Homo­pho­bie in der hie­si­gen, vor­wie­gend wei­ßen Dancehall-Szene oft auf taube Ohren. Manch­mal scheint es gar, dass homo­pho­bes Ver­hal­ten, ins­be­son­dere bei Sound­clas­hes, musi­ka­li­schen Wett­kämp­fen zwi­schen unter­schied­li­chen Sound­sys­tems, nicht nur vom deut­schen Publi­kum erwar­tet, son­dern auch von den Akteur_innen als not­wen­dig betrach­tet wird, um auf der Bühne als ›authen­tisch‹ wahr­ge­nom­men zu wer­den. Weiße Sound­boys ver­su­chen sich durch sexis­ti­sche und homo­phobe Belei­di­gun­gen als mög­lichst ›ori­gi­nal­ge­treu‹ zu insze­nie­ren und ver­si­chern sich gleich­zei­tig ihrer eige­nen hete­ro­se­xu­el­len Männ­lich­keit. Kommt es zur Dis­kus­sion mit deut­schen Soundbetreiber_innen, Veranstalter_innen und Fans, wird oft nur auf die Situa­tion in Jamaika ver­wie­sen und Homo­pho­bie unter wei­ßen deut­schen Dancehall-Fans aus­ge­blen­det. So ent­zie­hen sich viele Betei­ligte hier­zu­lande jeg­li­cher Eigen­ver­ant­wor­tung. Homo­phob sind dann nur die ›Ande­ren‹, deren pop­kul­tu­rel­ler Pro­dukte man sich ledig­lich des Enter­tain­ments wegen bedient.

Ein aktu­el­ler Ver­such, die deut­sche Szene für Homo­pho­bie und Sexis­mus zu sen­si­bi­li­sie­ren, ist die Kam­pa­gne Make Some Noise. Homo­pho­bia and Sexism Out of My Music (MSN), die im ver­gan­ge­nen Som­mer auf zahl­rei­chen Fes­ti­vals durch Info­stände und T-Shirts prä­sent war. Das Pro­jekt ist ein loses Bünd­nis von Künstler_innen und Fans, die Sexis­mus und Homo­pho­bie vom Inne­ren der Szene aus zu bekämp­fen wol­len. Anders als bei vor­aus­ge­gan­ge­nen Kam­pa­gnen geht es MSN nicht um Boy­kotte und Kon­zert­ver­bote, von denen bis­her ledig­lich Jamaikaner_innen, nie aber weiße Soundsystembetreiber_innen betrof­fen waren. Im Zen­trum von MSN steht der Dia­log zwi­schen Fans, Künstler_innen und Soundsystembetreiber_innen. Die wohl größte Her­aus­for­de­rung für die Kam­pa­gne wird es sein, die ras­sis­ti­sche Pola­ri­sie­rung zwi­schen ›homo­pho­ben Jamaikaner_innen‹ und schein­bar ›auf­ge­klär­ten‹ Deut­schen zu dekon­stru­ie­ren. Dabei ist es uner­läss­lich, die oft unge­hör­ten Stim­men von sowohl ras­sis­tisch als auch homo­phob dis­kri­mi­nier­ten Per­so­nen wahrzunehmen.

[1] LGBTI ist die eng­li­sche Abkür­zung für Les­bian, Gay, Bi-Sexual, Trans­se­xual und Intersexual.

[2] Bat­ty­boy ist im jamai­ka­ni­schen Kreo­lisch eine abschät­zige Bezeich­nung für einen homo­se­xu­el­len Mann.

Patrick Hel­ber für schwarz­weiss, April 2013

Eine frü­here Ver­sion des Arti­kels ist in der Zeit­schrift Hin­ter­land Nr. 21/2012 erschienen.