Dis­kurs

Dis|kurs, der; –es,-e [von latein. dis­cur­rere »aus­ein­an­der­lau­fen, hin– und her­lau­fen«] 1. theo­re­ti­sche Erör­te­rung, sys­te­ma­ti­sche, metho­di­sche Abhand­lung; 2. Gedan­ken­aus­tausch, inten­sive Unter­hal­tung; 3. umgangs­sprach­lich Abwei­chung, Randbemerkung.

Ursprüng­lich bezeich­nete der Begriff Dis­kurs eine mono­lo­gi­sie­rende, weit aus­schwei­fende Rede. Wäh­rend der ita­lie­ni­schen Renais­sance wurde der Begriff umge­deu­tet. Dis­corso meinte nun eine der Sache ange­mes­sene Art, über Ange­le­gen­hei­ten des All­ge­mein­we­sens zu spre­chen, also eine the­men­ge­bun­dene Refle­xion. Im deut­schen Sprach­ge­brauch wurde der Begriff im 17. Jahr­hun­dert auf Dia­log­si­tua­tio­nen ange­wen­det, womit er eine bestimmte Gesprächs­form bezeich­nete. Im 20. Jahr­hun­dert wurde die Bedeu­tung von Dis­kurs noch wei­ter ein­ge­grenzt und auf die argu­men­ta­tive Kom­mu­ni­ka­tion, also den Aus­tausch von Grün­den und Gegen­grün­den, ein­ge­schränkt. Diese Deu­tung fand vor allem durch die »Frank­fur­ter Schule« Verbreitung.

Diese Begriffs­de­fi­ni­tion wurde von dem deut­schen Phi­lo­so­phen Jür­gen Haber­mas sys­te­ma­tisch zu einer Dis­kurs­theo­rie wei­ter­ent­wi­ckelt (Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns, 1981). Er geht davon aus, dass bei jedem Sprech­akt vier Gel­tungs­an­sprü­che erfüllt sein müs­sen, damit Ver­stän­di­gung an und für sich mög­lich wird. Eine Aus­sage muss ver­ständ­lich, wahr, rich­tig und wahr­haf­tig (im Sinne von ernst gemeint) sein. Die genann­ten Gel­tungs­an­sprü­che wer­den auto­ma­tisch bei jedem Sprech­akt von den Kommunikationspartner_innen gegen­sei­tig unter­stellt. Die­sen Sach­ver­halt will Haber­mas nut­zen, um eine herr­schafts­freie, rein argu­men­ta­tive Form der Kom­mu­ni­ka­tion zu schaf­fen – den Dis­kurs. Bei die­sem wird die Gel­tung von Aus­sa­gen nicht, wie beim gewöhn­li­chen kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­deln, vor­aus­ge­setzt, son­dern sie wird anhand der Ein­hal­tung oder Nicht-Einhaltung der vier Gel­tungs­an­sprü­che geprüft. Dadurch wer­den laut Haber­mas mani­pu­la­tive und stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel zurück­ge­drängt und es herrscht »der zwang­lose Zwang des bes­se­ren Argu­men­tes«. Ein Kon­sens, der unter die­sen Bedin­gun­gen zustande kommt, kann als wahr und frei von Zwang ange­se­hen wer­den. Damit sieht Haber­mas eine Mög­lich­keit der Wahr­heits­fin­dung, wel­che frei von Macht­ein­flüs­sen ist.

Im deut­schen Sprach­raum ist Haber­mas Diskurs-Verständnis domi­nie­rend. Wird der Begriff in der All­tags­spra­che ver­wen­det, bezeich­net er aller­dings meis­tens ein­fach eine öffent­li­che Debatte. Ein ganz ande­res Ver­ständ­nis fin­det sich bei Michel Fou­cault (L’archéologie du savoir, 1969). Laut die­sem setzt sich ein Dis­kurs aus einer Serie dis­kur­si­ver Ereig­nisse (z.B. einer Reihe von ähnli­chen Aus­sa­gen) zusam­men. Das Auf­tre­ten und Ver­schwin­den die­ser seri­el­len Ereig­nisse wird durch ein umfas­sen­des Sys­tem von Regeln und Struk­tu­ren bedingt, wel­che fest­le­gen, was gesagt und gedacht wer­den kann bzw. was rich­tig und falsch oder wahr und unwahr ist. Dabei ist die Pro­duk­tion eines jeden Dis­kur­ses durch Pro­ze­du­ren der Kon­trolle, Selek­tion und Orga­ni­sa­tion beglei­tet, wodurch alter­na­tive Ver­hal­tens, Denk– oder Sprech­wei­sen aus­ge­schlos­sen wer­den. Ver­meint­li­che Wahr­hei­ten wer­den so oft (re-)produziert, bis sie quasi »natür­lich« erschei­nen, sie wer­den sozu­sa­gen natu­ra­li­siert. Dabei wird die Idee eines selbst­be­stimmt han­deln­den, ver­nunft­be­gab­ten Sub­jekts, wie es in der Theo­rie von Haber­mas exis­tiert, auf­ge­ge­ben und durch ein Rol­len­ver­ständ­nis ersetzt. Im jewei­li­gen Dis­kurs wer­den dem­nach ver­schie­dene, hier­ar­chi­sierte Rol­len ver­teilt, die fest­le­gen, was das Sub­jekt denkt, sagt und macht. Sub­jek­ti­vi­tä­ten wie eth­ni­sche oder geschlecht­li­che Iden­ti­tä­ten wer­den so erst dis­kur­siv geschaf­fen und den Indi­vi­duen zuge­schrie­ben. Bestimmte Men­schen haben dadurch Posi­tio­nen inne, von denen aus sie sich des Dis­kur­ses bemäch­ti­gen kön­nen, wohin­ge­gen andere ganz aus­ge­schlos­sen wer­den. Das fou­cault­sche Begriffs­ver­ständ­nis ist also geprägt von Macht, Herr­schaft, Zwang, Aus­schlie­ßung und Hierarchie.

Fou­cault wen­dete sei­nen Dis­kurs­be­griff vor allem auf die wis­sen­schaft­li­che Wis­sens­pro­duk­tion an. Ihm zufolge gibt es kein objek­ti­ves Wis­sen und keine Wahr­heit, die außer­halb des Dis­kur­ses und damit frei von Macht– und Herr­schafts­struk­tu­ren bestehe. Der Anspruch auf Wahr­heit erfor­dere des­we­gen immer die Unter­wer­fung des Sub­jekts unter ein spe­zi­fi­sches Denksystem.

Die an Fou­cault ange­lehnte Dis­kurs­ana­lyse wurde zu einem wich­ti­gen Instru­ment der Post­ko­lo­nia­len Theo­rie. Deren Mit­be­grün­der Edward Said wen­dete diese Methode auf die Bezie­hun­gen zwi­schen Okzi­dent und Ori­ent an, um die zugrunde lie­gen­den Macht– und Unter­drü­ckungs­struk­tu­ren offen zu legen (Ori­en­ta­lism, 1978). In sol­chen post­ko­lo­nia­len Denk­an­sät­zen wurde von Fou­cault die Idee über­nom­men, dass der Dis­kurs dem Den­ken enge Gren­zen setzt und fest­legt, was gedacht und gesagt wer­den kann, was das »Eigene« und was das »Fremde« ist. Dem­nach ist das Fort­be­ste­hen kolo­nia­ler Denk– und Ver­hal­tens­mus­ter über das for­melle Ende der Kolo­ni­al­herr­schaft hin­aus darin begrün­det, dass weiße Men­schen inner­halb des Dis­kur­ses immer noch die über­le­gene Rolle einnehmen.

Wäh­rend Haber­mas also einen sehr engen Dis­kurs­be­griff ver­tritt – im Sinne einer bestimm­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form – bezeich­net Fou­cault damit ein umfas­sen­des, unhin­ter­geh­ba­res Sys­tem der Rea­li­täts­pro­duk­tion. Da in der All­tags­spra­che das erst­ge­nannte Begriffs­ver­ständ­nis domi­niert, wird mit Dis­kurs meis­tens Frei­heit von Herr­schaft und Zwang in Ver­bin­dung gebracht. Dies ist inso­fern pro­ble­ma­tisch, als dass ein sol­ches Ver­ständ­nis den Sprecher_innen die Mög­lich­keit gibt, sich von dem Ver­dacht eines dis­kri­mi­nie­ren­den und ste­reo­ty­pi­sie­ren­den Sprach­ge­brauchs frei zu machen. In die­sem Sinne ist eine stär­kere Ori­en­tie­rung an dem Dis­kurs­be­griff von Fou­cault wün­schens­wert. Denn die­ser lie­fert ein erkennt­nis­theo­re­ti­sches Modell zur Ana­lyse der zugrunde lie­gen­den Herr­schafts– und Aus­schluss­me­cha­nis­men, for­dert so zu einer per­ma­nen­ten Refle­xion des eige­nen Stand­punk­tes auf und erteilt »objek­ti­ven Wahr­hei­ten« eine Absage.

Jan Die­bold, Novem­ber 2012