Quelle: Women. A Pictorial Archive from Nineteenth-Century Sources. Selected by Jim Hartner. Dover Publ. 1978.

Dis­zi­pli­niere dei­nen Körper!

Mein Haus, mein Auto, mein Kör­per – längst ist der eigene Kör­per zu einer Art Kapi­tal gewor­den. Wirt­schaft­li­che Leis­tungs­vor­stel­lun­gen und gesell­schaft­li­che Schön­heits­ideale erfor­dern eine stän­dige Selbst­dis­zi­pli­nie­rung und –opti­mie­rung. Wir gehen hier auf his­to­ri­sche und gegen­wär­tige Spu­ren­su­che zum Phä­no­men Body­is­mus.
Ich hab’ Rücken. Und Knie. Und wie viele Büroheld_innen unse­rer Zeit über­winde auch ich schließ­lich meine Beden­ken und wage den Schritt hin­ein in die Welt der Schö­nen, Fit­ten und Glück­li­chen – jeden­falls ver­spricht mir dies die Inter­net­seite mei­nes neuen Fitnessstudios.

Ein Fit­ness­stu­dio ist ja schon eine spe­zi­elle Umge­bung. Da ste­hen, sit­zen oder lie­gen Men­schen auf Maschi­nen oder hüp­fen auf der Stelle einer_m Trainer_in nach. An der Bar trinkt ein jun­ger Mann etwas, das an die Vanil­le­milch aus Grund­schul­pau­sen erin­nert. Aha, ein Eiweiß­shake! Wofür mensch so was braucht? Der Mucki-Mann erklärt: „Um die Mus­keln mit Eiweiß zu ver­sor­gen. Und Frauen trin­ken das, wenn sie weni­ger essen und trotz­dem satt wer­den wol­len.“ Wes­halb ich weni­ger essen sollte, ver­rät mir sogleich ein soge­nann­tes Sommer-Spezial-Angebot: um mich „in Form zu bringen“.

Body­is­mus: der Kör­per als sozia­les Konstrukt

Die Blog­ge­rin Nicole von Horst schreibt: „Ich habe bereits eine Form. Ich falle nicht aus­ein­an­der“ und macht uns damit auf wun­der­bar ein­fa­che Art bewusst, wie sehr unsere Wahr­neh­mung von gesell­schaft­li­chen Ide­al­vor­stel­lun­gen in die Irre geführt wird. Denn mal ehr­lich, wir wis­sen, wel­che Kör­per­form als erstre­bens­wert gilt und Aner­ken­nung fin­det – und wel­che nicht. Wie wir Kör­per wahr­neh­men, und was wir an ihnen schön oder häss­lich fin­den, ist keine Frage des indi­vi­du­el­len Geschmacks son­dern wird zu gro­ßen Tei­len durch gesell­schaft­li­che Wert– und Norm­vor­stel­lun­gen bestimmt. Eine Norm der Kör­per­form! Des­halb kann mensch auch sagen, der Kör­per ist, so wie wir ihn erle­ben, ein sozia­les Kon­strukt. Schön­heits­vor­stel­lun­gen und die damit zusam­men­hän­gen­den Kör­per­bil­der sind eben keine Pri­vat­an­ge­le­gen­heit, die wir uns bewusst aus­su­chen oder ein­fach so able­gen kön­nen. Body­is­mus nennt sich die­ses Phä­no­men: Wir bewer­ten uns und andere Men­schen anhand der äuße­ren Erschei­nung, ver­knüp­fen diese Erschei­nung mit bestimm­ten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten – flei­ßig und dis­zi­pli­niert oder faul und inkom­pe­tent – und las­sen diese Bewer­tung, teils unbe­wusst, unser Ver­hal­ten beein­flus­sen. So ent­steht struk­tu­relle Dis­kri­mi­nie­rung, die sogar zu schlech­te­ren Berufs­chan­cen oder gar sozia­ler Aus­gren­zung führt.

Diese gesell­schaft­li­chen Nor­men, die mich auf der Straße nicht nur von Wer­be­pla­ka­ten anschreien, son­dern auch durch die prü­fen­den Bli­cke ande­rer Frauen und Män­ner errei­chen, ver­dich­ten sich nun hier im Fit­ness­stu­dio. Übergroße Pla­kate von Frauen und Män­nern mit mus­ku­lö­sen Ober­kör­pern und glän­zen­den Haa­ren und die vie­len Spie­gel an den Wän­den füh­ren mir vor Augen, wie ich nicht aus­sehe. Das glück­li­che Lächeln in den Gesich­tern der Wer­be­fi­gu­ren beglei­tet von Bot­schaf­ten wie „Stark und aus­ge­gli­chen durch´s Leben“ sug­ge­riert mir aber, dass ich doch genau dies will! Hier wer­den Bedürf­nisse geweckt und gebün­delt: Glück, Erfolg, Stärke, Aus­ge­gli­chen­heit, Schön­heit und Sex-Appeal. Der opti­male Weg dort­hin wird gleich mit ange­bo­ten: Sport, Diät, Eiweiß­shake! Ist ganz ein­fach, just do it!

Quelle: Women. A Pictorial Archive from Nineteenth-Century Sources. Selected by Jim Hartner. Dover Publ. 1978.

Quelle: Women. A Pic­to­rial Archive from Nineteenth-Century Sour­ces. Selec­ted by Jim Hart­ner. Dover Publ. 1978.

Ein Blick zurück in die Geschichte der kör­per­li­chen Disziplinierung

Das Fit­ness­stu­dio ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu der zen­tra­len zivil­ge­sell­schaft­li­chen Insti­tu­tion für Arbeit am Kör­per gewor­den. Hier wird mit Hilfe von Gerä­ten, Trai­nings­plä­nen und Ernäh­rungs­be­ra­tung die mensch­li­che Form ent­spre­chend der Ide­al­vor­stel­lun­gen, die Medien und Mar­ken vor­ge­ben und  von den Men­schen immer wie­der unkri­tisch wei­ter­ge­ge­be­nen wer­den, geformt und genormt. Dass diese Vor­stel­lun­gen sich im Laufe der Jahre gewan­delt haben, wis­sen alle, die schon mal in einer Gemäl­de­ga­le­rie waren. Wer fin­det die Mona Lisa heute noch so unver­gleich­lich schön? Bil­der vom per­fek­ten, schö­nen Kör­per sind geprägt von den poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Macht­struk­tu­ren der jewei­li­gen Epochen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt aber nicht nur sich ver­än­dernde Kör­per­bil­der, son­dern ent­schlüs­selt auch die dahin­ter lie­gen­den Inter­es­sen und Funk­tio­nen. Bis ins 18. Jahr­hun­dert galt die äußere mensch­li­che Gestalt als gott­ge­ge­ben und die soziale Stel­lung als von Geburt an fest­ge­legt. Als das auf­stre­bende Bür­ger­tum aber gegen die starre Gesell­schafts­form des Feu­da­lis­mus auf­be­gehrte, fand diese Aus­ein­an­der­set­zung auch auf der Ebene der Kör­per statt. Der Kör­per wurde nun als Aus­druck der indi­vi­du­el­len Tüch­tig­keit, und damit der Leis­tungs­be­reit­schaft und mora­li­schen Lebens­füh­rung betrach­tet. An die Stelle der Beherr­schung durch die obe­ren Stände tra­ten Tech­ni­ken der indi­vi­du­el­len Selbst­be­herr­schung: Men­schen soll­ten sich ihre soziale Stel­lung von nun an durch Tugen­den wie Fleiß und Sitt­sam­keit selbst erarbeiten.

Diese leis­tungs­be­zo­gene Dis­zi­pli­nie­rung des Kör­pers galt aller­dings vor allem für Män­ner. Frauen wurde von der männ­lich domi­nier­ten Gesell­schaft wei­ter­hin eine leis­tungs­un­ab­hän­gige Rolle im Pri­va­ten und in der Fami­lie zuge­wie­sen. Aber auch ihre Kör­per wur­den, sobald in der Öffent­lich­keit sicht­bar, mit­tels modi­scher Erschei­nun­gen wie dem Kor­sett oder hohen Schuhab­sät­zen in sei­ner Frei­heit beschränkt. Dadurch wurde Weib­lich­keits­vor­stel­lun­gen von Anmut und Zurück­hal­tung ent­spro­chen und Frauen auf ihre fami­liäre Rolle im Pri­va­ten ver­wie­sen. Der Mann konnte damit unge­hin­dert Poli­tik, Wirt­schaft und die Öffent­lich­keit als Domä­nen für sich behaup­ten und lang­fris­tig absi­chern. Wirt­schafts– und geschlech­ter­po­li­ti­sche Herr­schafts­ver­hält­nisse wur­den so in die Kör­per eingeschrieben.

Der moderne Natio­nal­staat ist seit sei­ner Ent­ste­hung an der Steue­rung der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung und der Kon­trolle der Kör­per sei­ner Bürger_innen inter­es­siert. Erst dadurch wurde es mög­lich, abs­trakte poli­ti­sche Ideale und Ziel­vor­stel­lun­gen von der Ebene der Ratio­na­li­tät auf die der Gefühle und der Sinn­lich­keit aus­zu­deh­nen. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault prägte dafür den Begriff Bio­po­li­tik. Die indi­vi­du­elle Wahr­neh­mung des Kör­pers und die Arbeit, die mensch in ihn inves­tiert, sind nicht ohne die dahin­ter lie­gen­den bio­po­li­ti­schen Inter­es­sen zu ver­ste­hen. Im Laufe des 19. und vor allem des 20. Jahr­hun­derts betrach­te­ten die west­li­chen Natio­nal­staa­ten ihre Bürger_innen zuneh­mend als Res­source mili­tä­ri­scher und wirt­schaft­li­cher Stärke. Mit Hilfe wis­sen­schaft­li­cher Tech­ni­ken sollte die Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung gesteu­ert und ver­bes­sert wer­den. Dabei ging es vor allem um die Aus­son­de­rung von Per­so­nen, die die­sen Idea­len nicht ent­spra­chen. Die auf­kom­mende Euge­nik hatte zum Ziel, soge­nannte volks­schä­di­gende Men­schen, zum Bei­spiel Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung, Dro­gen­süch­tige oder Kranke, aus dem gesell­schaft­li­chen Fort­pflan­zungs­kreis­lauf auszuschließen.

Will­kom­men in der neo­li­be­ra­len Gegen­wart der Schö­nen und Erfolgreichen

Seit eini­gen Jahr­zehn­ten ver­la­gert sich die Deu­tungs­ho­heit über die Kör­per­bil­der vom Staat auf die Markt­wirt­schaft. So kön­nen sich alle Men­schen aus einem rie­si­gen Ange­bot ihren indi­vi­du­el­len Stil zusam­men­stel­len. Dabei geht es längst nicht nur um die Klei­dung, son­dern der ganze Kör­per wird zuneh­mend als form– und wan­del­bar wahr­ge­nom­men. Bei­spiele davon rei­chen von Son­nen– und Tat­too­stu­dios über Ernäh­rungs­be­ra­tun­gen und Sport­an­ge­bote bis hin zu Schön­heits­ope­ra­tio­nen. Drum­herum hat sich eine ganze Schön­heits­in­dus­trie ent­wi­ckelt. Die­ses neue Bild von einem Köper, der mit ein biss­chen Wil­lens­kraft stän­dig opti­miert und ver­än­dert wer­den kann, ent­spricht der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie und ihrem Ideal des unter­neh­me­ri­schen, krea­ti­ven und dyna­mi­schen Indi­vi­du­ums, das sich fle­xi­bel den Gege­ben­hei­ten des Mark­tes anpasst. Frei nach dem Motto „In einem gesun­den Kör­per steckt auch ein gesun­der Geist“, heißt es nun: „Nur in einem jun­gen sport­li­chen und dis­zi­pli­nier­ten Kör­per steckt auch ein leis­tungs­star­ker, dis­zi­pli­nier­ter Geist“ – auf ein­mal ist er da, der neue Sün­den­bock: der innere Schwei­ne­hund. Wer ihn nicht über­win­den kann, ist selbst schuld. Ganz selbst­ver­ständ­lich wird dem dicken Mit­ar­bei­ter auch gerne mal lang­sa­mes Arbei­ten unter­stellt – und bestimmt ist er auch viel häu­fi­ger krank. Auch hier geht es darum, beruf­li­chen Erfolg nicht nur zu haben, son­dern ihn auch zu verkörpern.

War im 18. und 19. Jahr­hun­dert der Bereich des Öffent­li­chen noch den Män­nern vor­be­hal­ten, erober­ten im Laufe der 1970er und 80er Jahre immer mehr Frauen den Arbeits­markt und das öffent­li­che Leben und for­der­ten glei­che Rechte ein. So gerie­ten auch sie ins Zen­trum neo­li­be­ra­ler Kör­per­dis­zi­pli­nie­rung. Gleich­zei­tig stel­len diese geschlech­ter­po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen auch heute noch eine Bedro­hung der männ­li­chen Vor­herr­schaft da. Es ist also kein Zufall, dass gerade in die­ser Zeit das Ideal des Mager­mo­dels, siehe Twiggy, ent­stand. Mit zuneh­men­der poli­ti­scher, fami­liä­rer und ökono­mi­scher Unab­hän­gig­keit nahm auch die Regu­lie­rung und Nor­mie­rung des weib­li­chen Kör­pers zu. So ist es fast schon absurd, dass frau inzwi­schen offi­zi­ell zu allen gesell­schaft­li­chen Räu­men die glei­chen Zugangs­rechte besitzt, jedoch ein­mal dort ange­kom­men, mög­lichst wenig Platz ein­neh­men darf — „Bauch ein­zie­hen, Mädels!“.

Macht, Aus­gren­zung und Privilegien

Bei Body­is­mus geht es, wie bei den meis­ten ande­ren Ismen auch, um Macht­ver­hält­nisse, Aus­gren­zun­gen und Pri­vi­le­gien. Unter dem Deck­man­tel ver­meint­lich indi­vi­du­el­len Geschmacks kommt es schnell zu struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung all jener, die nicht nach der Norm stre­ben oder sie erfül­len, und zur Pri­vi­le­gie­rung der ‚Schö­nen’ und ‚Dis­zi­pli­nier­ten’. So ist zum Bei­spiel seit län­ge­rem bekannt, wie mit dem Aus­se­hen die Chan­cen auf dem Arbeits­markt stei­gen oder fal­len, so dass mehr und mehr reflek­tierte Arbeitgeber_innen Bewer­bun­gen ohne Fotos anfor­dern, um glei­che Chan­cen zu ermög­li­chen. Schön­heit als Schlüs­sel zu Auf­stiegs­chan­cen und gesell­schaft­li­cher Macht bleibt all jenen ver­wehrt, die nicht die ‚rich­ti­gen‘ bio­lo­gi­schen Anla­gen mit­brin­gen oder die finan­zi­el­len und zeit­li­chen Res­sour­cen nicht dafür auf­brin­gen kön­nen oder wol­len, nach der Schön­heits­norm zu streben.

Ich finde mich schön. Oder bes­ser: Ich fand mich schön — bis zu jenem Moment als ich das Fit­ness­stu­dio betrat. So wie mir geht es gefühlt 99,5 Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Auch hier kann Fou­cault hel­fen. Er fand her­aus, dass das heute noch aktu­elle männ­li­che Kör­pe­ri­deal stark durch antike grie­chi­sche Sta­tuen geprägt wurde. Modell stan­den damals Ath­le­ten – Män­ner also, die den lie­ben lan­gen Tag nur Sport trie­ben. Für Otto Nor­mal­ar­bei­ter undenk­bar. Ähnlich uto­pisch ist es für Frauen: ent­we­der voll­bu­sige Sex­bombe (auch nach der Geburt dreier Kin­der!) oder elfen­hafte, vor­pu­ber­täre Mäd­chen­ge­stalt (eben­falls auch noch nach der Geburt dreier Kin­der). Geht doch gar nicht. Soll ja auch gar nicht. Denn wenn Schön­heits­ideale erreich­bar wären, würde die Indus­trie irgend­wann nichts mehr ver­kau­fen. Aber anstatt ein­fach die Norm zu hin­ter­fra­gen, stel­len wir uns tag­täg­lich selbst infrage. Wir ver­brin­gen unsere Zeit mit Sport, Shop­ping oder Fri­seur­be­su­chen, anstatt die Welt­herr­schaft zu erobern. Wie bescheu­ert ist das eigent­lich? Ich finde mich wie­der schön. Basta!

Jan Die­bold und Frie­de­rike Faust, Juli 2013

[Die­ser Arti­kel ist zuerst erschie­nen in Die Pre­ziöse 2/2013]