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Dunkle Kon­ti­nente: Man Rays „Noire et Blanche“

Im Jahre 1926 beschrieb der Psy­cho­loge Sig­mund Freud die weib­li­che Psy­cho­lo­gie als „dark con­ti­nent“, eine dunkle Welt, die die Psy­cho­lo­gie auf­hel­len sollte. Den Aus­druck hatte Freud aber nicht selbst kre­iert. Einige Jahre zuvor hatte der For­schungs­rei­sende Henry Mor­ton Stan­ley das neu „ent­deckte“ Afrika eben­falls als „dark con­ti­nent“ beschrie­ben. Freud und Stan­ley bezeich­ne­ten mit dem Aus­druck „dark con­ti­nent“ jeweils eine Rea­li­tät, die ihnen fremd war. Für Freud als Ver­tre­ter des männ­li­chen Geschlechts waren Frauen offen­sicht­lich genauso fremd wie für Stan­ley, der sich als Ver­tre­ter des Wes­tens ver­stand, der afri­ka­ni­sche Kontinent.

Ein Foto von Man Ray brachte diese bei­den „unbe­kann­ten Wel­ten“ zusam­men. 1926 erschien Man Rays Pho­to­gra­phie „Visage de Nacre et Mas­que d’Ébène“ auf Anre­gung des Pari­ser Maga­zins Vogue als Teil eines Arti­kels über „exo­ti­sche Kul­tu­ren“. Die Foto­gra­fie, die zwei Jahre spä­ter in „Noire et Blan­che“ umbe­nannt wurde, gehört heute zu den berühm­tes­ten Wer­ken des Künst­lers. Die Auf­nahme spie­gelt auch den Zeit­geist wider, denn in den 1920er Jah­ren spielte nicht nur das Thema „Exo­tis­mus“ eine beson­dere Rolle in der Welt der Wer­bung; auch Frauen wur­den sowohl Sub­jekt als auch Wer­be­ob­jekt der neuen Mode­bran­che. Man Rays „Noire et Blan­che“ bil­dete die herr­schende „Fashion“ ab, und stützte sich dafür auf zwei Objekte, die in jenen Jah­ren „fashio­nable“ gewor­den waren: Exo­ti­sche Kunst­werke und Frauen.

Die Schwarzweiß-Aufnahme zeigt die fran­zö­si­sche Kabarett-Sängerin Alice Prin, die unter dem Künst­ler­na­men Kiki de Mont­par­nasse berühmt wurde, neben einer Baulé-Maske aus der Elfen­bein­küste. Zu sehen sind Kikis nackte Schul­ter und vor allem ihr lie­gen­des Gesicht. Mit sei­ner ova­len Form, den geschlos­se­nen Augen, dem fei­nen Mund und den zar­ten Augen­brauen ähnelt es der auf­recht ste­hen­den Maske aus der Elfen­bein­küste. Die dunkle Maske bil­det einen frap­pan­ten Kon­trast mit der wei­ßen Haut der Sän­ge­rin. Der Foto­graf kon­stru­ierte wei­tere Gegen­sätze auf meh­re­ren Ebe­nen, so dass fol­gende Ver­gleichs­paare sich zur Beschrei­bung anbie­ten: Maske/Frauengesicht, vertikal/horizontal, Objekt/Mensch, Europa/Afrika oder auch schwarz/weiß. Sol­che Ver­gleich­sätze im Stil „ent­we­der oder“ bestä­ti­gen bzw. ver­stär­ken aller­dings die Vor­stel­lung einer „schwarz-weißen“ Welt und las­sen kei­nen Platz für dif­fe­ren­zierte Wahr­neh­mun­gen. Was wollte Man Ray mit die­ser Gegen­über­stel­lung zei­gen? Die ver­schie­de­nen Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Foto­gra­fie sind den Betrach­tern überlassen.

Dem Betrach­ter wird jeden­falls eine sen­su­elle und geheim­nis­volle Welt ver­mit­telt. Sind die The­men Ero­tik und Exo­tik, die ja auch die­ses Zeit­al­ter präg­ten, nicht die Haupt­an­lie­gen in Man Rays Werk? Ero­tik und Exo­tik wecken auf ähnli­che Weise die Fan­ta­sie und ver­spre­chen aben­teu­er­li­che Erleb­nisse in unbe­kann­ten und frem­den Wel­ten. Die Sexua­li­tät der Frau und das weit lie­gende Afrika, die „dark con­ti­nents“ Freuds und Stan­leys, sind fremde, zu durch­drin­gende und zu erobernde Wel­ten. Frauen und Afrika sind aber nur die offen­sicht­li­chen Motive in Man Rays Auf­nahme. Der Betrach­ter oder bes­ser seine Aus­schlie­ßung aus die­sen bei­den Wel­ten wer­den in dem Werk sub­til the­ma­ti­siert: Die Maske und Kiki sind wie in einer eige­nen Welt ein­ge­schlos­sen – ein Ein­druck, der durch­aus von den geschlos­se­nen Augen Kikis und dem undurch­schau­ba­ren Aus­druck der Maske ver­stärkt wird.

Man kann sich zu Recht fra­gen, was in die­ser Foto­gra­fie Man Rays fremd wir­ken sollte: die afri­ka­ni­sche Maske aus dem „dark con­ti­nent“, die weib­li­che Gestalt, deren Sexua­li­tät Män­nern wie Freud genauso uner­fass­bar schien, oder eigent­lich der Betrach­ter, der sich aus­ge­schlos­sen fühlt? Da sich der Betrach­ter von die­sen Wel­ten „Afrika“ und „Weib­lich­keit“ aus­ge­schlos­sen fühlt, ist er der eigent­li­che Fremde. Der Aus­druck „dark con­ti­nent“ bezieht sich inso­fern weder auf Afrika noch auf die Sexua­li­tät der Frau. Er beschreibt viel­mehr eine noch erfolg­lose Bemü­hung, diese Wel­ten zu durch­drin­gen und zu ver­ste­hen. Fremd­heit wird in Man Rays „Noire et Blan­che“ the­ma­ti­siert, aber der Fremde ist uner­war­tet woan­ders zu finden…

Simone Mbak, Novem­ber 2010