1001Nacht

Ein Bei­trag Hei­del­bergs zum Ori­en­ta­lis­mus: Das Wir­ken von Gus­tav Weil

Ein orientalismuskritischer Blick auf den Begründer der Heidelberger Islamwissenschaft

In die­sen Tagen wird das 625jährige Beste­hen der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg gefei­ert. Zu sol­chen Anläs­sen gedenkt die Hoch­schule gerne ihrer bedeu­ten­den Söhne und Töch­ter und hebt deren wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten her­vor. Die Erzäh­lung und Dar­stel­lung sol­cher indi­vi­du­el­len Erfolgs­ge­schich­ten ten­diert dazu, das Bild eines ste­ti­gen Zuge­winns an objektiv-wissenschaftlicher Erkennt­nis zu zeich­nen. Aller­dings sollte dabei bedacht wer­den, dass jede/r Wissenschaftler/in immer auch durch die kon­kre­ten his­to­ri­schen, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Umstände geprägt ist und somit keine objek­tive Posi­tion ein­neh­men kann.

1001 NachtDie­ses Dilemma objek­ti­ver Wis­sen­schaft lässt sich gut anhand des Pro­fes­sors für Ori­en­ta­li­sche Spra­chen, Gus­tav Weil, dar­stel­len. Die Bio­gra­phie Weils bie­tet viel Stoff für die Erzäh­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Erfolgs­ge­schichte. Er wurde am 25. April 1808 im badi­schen Sulz­burg gebo­ren und sollte, wie schon sein Groß­va­ter, Rabbi wer­den. Er ent­schied sich statt­des­sen für ein Stu­dium in Phi­lo­lo­gie und Geschichte an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg und lernte Ara­bisch. 1830 stu­dierte er für einige Zeit beim bedeu­tends­ten Ori­en­ta­lis­ten sei­ner Zeit, Sil­vestre De Sacy, in Paris. 1831 reiste er nach Nord­afrika und lebte über vier Jahre lang als Fran­zö­sisch­leh­rer in Kairo. Zugleich stu­dierte er bei nam­haf­ten ara­bi­schen Phi­lo­lo­gen und lernte Neu­per­sisch sowie Türkisch.

Nach sei­ner Rück­kehr habi­li­tierte er sich 1836 in Hei­del­berg. Aller­dings blieb ihm – auch wegen sei­nes jüdi­schen Glau­bens – zunächst eine wis­sen­schaft­li­che Kar­riere ver­sagt. Des­we­gen nahm er eine Stelle als Uni­ver­si­täts­bi­blio­the­kar an. Er setzte seine For­schungs­ar­bei­ten aber fort und ver­öf­fent­lichte die erste deut­sche Über­set­zung von „1001 Nacht“. 1861 erlangte er schließ­lich nach zahl­rei­chen wei­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen eine ordent­li­che Pro­fes­sor, die er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1888 innehatte.

Als Ori­en­ta­list war Gus­tav Weil aber auch Ver­tre­ter einer Wis­sen­schaft, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten stark in die Kri­tik gera­ten ist. Der moderne Ori­en­ta­lis­mus, so schreibt Edward Said, ist in einer Phase der euro­päi­schen Expan­sion und Domi­nanz über den Osten ent­stan­den. Der Autor schließt dar­aus, dass jedem wis­sen­schaft­li­chen Inter­esse am Ori­ent immer auch der Wille, jenen zu beherr­schen inne­wohnt. Dazu passt, dass Gus­tav Weil seine Reise durch Nord­afrika im Zuge der fran­zö­si­schen Erobe­rungs­ex­pe­di­tion nach Alge­rien begann.

In Weils Wer­ken fin­den sich viele Pas­sa­gen, auf die sich Saids Kon­zept anwen­den lässt, wie bei­spiels­weise der Anspruch des Ori­en­ta­lis­ten, den Islam voll­kom­men erfas­sen zu kön­nen. Dazu heißt es in Weils „Historisch-kritischer Ein­lei­tung in den Koran“ von 1844: „Der dritte Abschnitt ent­hält Betrach­tun­gen über das Wesen des Islams“. Ein wei­te­rer Kri­tik­punkt Saids ist, dass der wis­sen­schaft­li­che Ori­en­ta­lis­mus auf die Früh­phase des Islam fixiert sei, davon aus­ge­hend aber Rück­schlüsse über den Islam im All­ge­mei­nen zieht. Damit wird ihm nicht nur die Fähig­keit zum Wan­del abge­spro­chen, son­dern es kommt auch zu einer Glo­ri­fi­zie­rung des frü­hen Islams vor der sich die wei­tere Ent­wick­lung als eine Geschichte des Ver­falls abzeich­net. Auch Weil fokus­sierte sich in sei­nen Arbei­ten auf jene Früh­phase und über­nahm das Bild des his­to­ri­schen Kul­tur­ver­falls. Dazu heißt es in „Die poe­ti­sche Lite­ra­tur der Ara­ber“ (1837): „Die ara­bi­sche Poe­sie vor Moham­med trug all jene Nai­vetät des rei­nen Nat­ur­lauts […] Nicht durch Moham­med selbst, wenigs­tens nicht unmit­tel­bar sank die ara­bi­sche Poesie“.

Wich­tig zu erwäh­nen ist, dass Gus­tav Weil ein für seine Zeit sicher­lich dif­fe­ren­zier­tes Ori­ent­bild hatte. Saids Kri­tik, dass viele Ori­en­ta­lis­ten selbst gar nicht reis­ten, oder nicht ein­mal ara­bisch konn­ten, trifft auf Weil in kei­ner Weise zu. Er bemühte sich um eine gewis­sen­hafte Arbeit mit den Ori­gi­nal­tex­ten und forschte vor Ort. Aller­dings stieß er damit an die Gren­zen des ori­en­ta­lis­ti­schen Dis­kurses. Said sagt dazu, dass es nur mög­lich sei sich über den Ori­ent zu äußern, wenn man die Regeln des Dis­kur­ses befolgt – zum Bei­spiel ein bestimm­tes Voka­bu­lar oder die Anleh­nung an bestimmte Insti­tu­tio­nen. Dies musste auch Gus­tav Weil erfah­ren, als er Mitte des 19. Jahr­hun­derts eine phi­lo­lo­gisch genaue Über­set­zung von „1001 Nacht“ her­aus­ge­ben wollte: Sein Ver­le­ger August Lewald wei­gerte sich, den Text zu publi­zie­ren und ließ ihn stark abän­dern, dem Geschmack des Publi­kums und den mora­li­schen Sit­ten der Zeit ent­spre­chend. Gus­tav Weil äußerte dar­über zwar sei­nen Unmut, ließ es letzt­end­lich aber zu.

Jan Die­bold, Juni 2010