Prinz Ndumbe

Eine Per­son, die kein Gedächt­nis hat, wird nie­mals den Weg nach Hause finden“

Erinnerungen an die Unabhängigkeit Kameruns vor 50 Jahren

Bis auf den letz­ten Steh­platz war das Schu­ma­cher­haus in Ber­lin am Abend des 17.04. 2010 besetzt. Alle woll­ten Prince Kum’a Ndumbe III aus Kame­run hören. Die deutsch-kamerunisch-namibianische Orga­ni­sa­tion afri­ca­ve­nir hatte zur Auf­takt­ver­an­stal­tung ihrer Vor­trags­reihe zum 50. Jah­res­ta­ges des „annus mira­bi­lis“ 1960, gela­den, in dem die meis­ten afri­ka­ni­schen Staa­ten unab­hän­gig wur­den. Kum’a Ndumbe, Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Yaoundé und lange Zeit auch an der FU Ber­lin, erlebte die Unab­hän­gig­keit in Kame­run 1960 als 14 jäh­ri­ger. Seine Erin­ne­run­gen sind jedoch nicht von aus­ge­las­se­ner Fröh­lich­keit und gro­ßen Fei­ern geprägt. Hohe Mili­tär­prä­senz auf den Stra­ßen und Gewalt bestim­men sein Bild der Unab­hän­gig­keit. „Figure pour toi“, wört­lich über­setzt: „Gesicht für Dich“ ist der Satz, der ihm bis heute in den Ohren klingt. Kame­ru­ner, die diese, wohl einer Art pidgin-Armee-Sprache ent­stam­men­den Aus­druck, nicht ver­stan­den, wur­den öffent­lich geschla­gen. Mit „Figure pour toi“ for­der­ten aus­län­di­sche Sol­da­ten, die in Kame­runs Stra­ßen patrouil­lier­ten, Kameruner*innen auf, ihre Pässe zu zei­gen. Die neue von Frank­reich ein­ge­setzte Regie­rung in Kame­run hatte aus­län­di­sche Sol­da­ten — meist aus dem benach­bar­ten Tchad — ange­heu­ert, um Soli­da­ri­sie­run­gen zwi­schen Armee und Bevöl­ke­rung zu ver­mei­den. Gesucht wur­den Ange­hö­rige der Befrei­ungs­be­we­gung (UPC), wel­che von der kame­ru­ni­schen Regie­rung als Ter­ro­ris­ten gebrand­markt wur­den. Die Befrei­ungs­be­we­gung akzep­tierte die mit Frank­reich aus­ge­han­delte Unab­hän­gig­keit, die zahl­rei­che Vor­rechte Frank­reichs auf die kame­ru­ni­sche Poli­tik und Wirt­schaft besie­gelte, nicht. Ihren Kampf für eine „echte Unab­hän­gig­keit“ Kame­runs führte sie bis 1971 im Unter­grund wei­ter. „Mor­gens auf dem Schul­weg fan­den wir die Lei­chen der nächt­li­chen Schie­ße­reien zwi­schen Mili­tär und Unab­hän­gig­keits­kämp­fern“ erin­nert sich Kum’a Ndumbe „und manch­mal ver­schwand plötz­lich ein Leh­rer, wenn das Mili­tär nahte. Dann wuss­ten wir, dass unser Leh­rer in der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung aktiv war“. Das Stadt­vier­tel „New Bell“ der Hafen­me­tro­pole Duala, das als Nest der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung galt, wurde vom Mili­tär kur­zer­hand ange­zün­det, Flucht­wege vom Mili­tär versperrt.

Prinz NdumbeKum’a Ndumbe ver­ließ Kame­run bald nach der Unab­hän­gig­keit. Er kam nach Mün­chen, um dort das Gym­na­sium zu besu­chen und zu stu­die­ren. Seine Pro­mo­tion legte er in Frank­reich ab, weil das Thema der Afri­ka­p­läne Hit­lers in Deutsch­land abge­lehnt wurde. Von Mün­chen aus erfuhr er 1963 aus der Zei­tung über die Grün­dun­gen der Orga­ni­sa­tion der Afri­ka­ni­schen Ein­heit (OAU). Was ihm im Gedächt­nis blieb, war vor allem ein Foto, auf dem die afri­ka­ni­schen Staats­chefs nach der Unter­zeich­nung der Ver­träge zu sehen sind, in ihrer Mitte Charles de Gaulle — als sei der fran­zö­si­sche Prä­si­dent die Haupt­per­son. „Für mich wurde klar, dass diese Unab­hän­gig­keit Afri­kas keine Unab­hän­gig­keit war, son­dern dass die Strip­pen woan­ders gezo­gen wur­den“ merkt Kum’a Ndumbe ent­täuscht an. Und das sei bis heute so geblie­ben. Staats­chefs seien denen ver­pflich­tet, die sie ein­setz­ten. In Demo­kra­tien sei das das Volk, in Kame­run Frank­reich. Bis heute leb­ten die Kame­ru­ner des­halb im Wider­spruch: Sie leben mit einer Regie­rung, die sie nicht gewählt haben und in Abhän­gig­keit von der domi­nan­ten ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frankreich.

Seit der Unab­hän­gig­keit habe sich diese Poli­tik nicht grund­sätz­lich ver­än­dert. Dem­ent­spre­chend wurde auch die Unab­hän­gig­keits­ge­schichte nicht auf­ge­ar­bei­tet oder einer kri­ti­schen Debatte unter­zo­gen. In Kame­run gebe es kein ein­zi­ges Denk­mal, das an den lang­jäh­ri­gen Kampf der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung oder ande­rer anti­ko­lo­nia­ler Hel­den erin­nert. Statt­des­sen wür­den fran­zö­si­sche Gene­räle mit Sta­tuen geehrt. „Man ver­sucht, unser Gedächt­nis aus­zu­lö­schen“, kom­men­tiert Kum’a Ndumbe. Die Auf­gabe der Kame­ru­ner besteht für den Poli­tik­wis­sen­schaft­ler 50 Jahre nach der offi­zi­el­len Unab­hän­gig­keit darin, den Kampf für eine zweite, „echte“ Unab­hän­gig­keit zu füh­ren. Dies könne nur gelin­gen, wenn Kame­run sich end­lich an die Kämpfe der ers­ten Unab­hän­gig­keit erin­nere, betont Kum’a Ndumbe, denn „eine Per­son, die kein Gedächt­nis hat, wird nie­mals den Weg nach Hause finden.“

Caro­line Autha­ler,  April 2010