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Ent­wick­lung aus ande­ren Perspektiven

In diesen zwei Beiträgen wird ein kamerunischer und ein griechischer Blick auf das Konzept der "Entwicklung" geworfen

Ent­wick­lung“ und „Unter­ent­wick­lung“ wer­den häu­fig als Gegen­sätze benutzt. Dabei wer­den die Begriffe in einer Logik des Ver­gleichs zwi­schen den Län­dern des Nor­dens und den Län­dern des Südes gegen­über­ge­stellt. Und so ist Unter­ent­wick­lung ein Syn­onym für Armut gewor­den, wäh­rend Ent­wick­lung sich als Inbe­griff des Reich­tums her­aus­stellte. Dar­über hin­aus wird Ent­wick­lung als Ziel dar­ge­stellt, das alle ande­ren Län­der der sog. Drit­ten Welt unbe­dingt errei­chen müs­sen. Um die­ses Ziel zu errei­chen, posi­tio­niert sich der Wes­ten als ein Modell, als Lek­tion, die erteilt und unter­rich­tet wird, als eine Auto­ri­tät, die zu wis­sen glaubt, was gut oder schlecht für die ande­ren sei. Wer weiß aber bes­ser als ich, was meine Erwar­tun­gen sind? Wer kann bes­ser als ich Lösun­gen für meine Pro­bleme vor­schla­gen? Wer kann bes­ser als ich über meine Zukunft spre­chen und die Wege, wie ich sie erreiche?

Damit möchte ich unter­strei­chen, dass Ent­wick­lung als ein­zig­ar­ti­ger Pro­zess zu ver­stehen ist, der ein Volk dazu bringt, selbst zu ent­schei­den, wel­che Fähig­kei­ten es sich zur Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nisse anzu­eig­nen hat. Ent­wick­lung ist inso­fern ohne Berück­sich­ti­gung des jewei­li­gen kul­tu­rel­len, reli­giö­sen etc. Kon­tex­tes nicht zu den­ken. Gewiss braucht man auch die Erfah­rung der „Ande­ren“ um wei­ter­zu­kom­men, den­noch darf das west­li­che Model nicht blind auf die ganze Welt über­tra­gen werden.

Meine Kri­tik an dem west­li­chen Ver­ständ­nis der Ent­wick­lung rich­tet sich also ge­gen die Behaup­tung, Ent­wick­lung sei vor allem eine kon­ti­nu­ier­li­che Anhäu­fung ma­terieller Güter. Ob Ent­wick­lung tat­säch­lich mit wirt­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten gleich­zu­set­zen ist, lässt sich ange­sichts der aktu­el­len Welt­wirt­schafts­krise eher bezweifeln…

von Arn­aud Tet­chou, Yaoundé, Kamerun

Ent­wick­lung ist gut…

Ent­wick­lung ist gut, oder? Das sagt man jeden­falls. Weil Ent­wick­lung mehr Gewinn, mehr Ver­gnü­gen, mehr Geld, mehr Pro­dukte ver­spricht. Mehr. Das ist ein sehr wich­ti­ges Wort. Das andere ist schnell, bzw. schnel­ler. Schnel­ler und mehr. Ent­wick­lung war und ist immer noch ein star­kes Wort, weil alle star­ken Gesell­schaf­ten – übri­gens ist „stark“ auch so ein wich­ti­ges Wort – in den letz­ten 150 Jah­ren, egal ob kapi­ta­lis­tisch oder sozia­lis­tisch, mehr Ent­wick­lung woll­ten. Wenn man einen Grie­chen fragt, was Ent­wick­lung ist, ant­wor­tet er nor­ma­ler­weise, eine starke Indus­trie zu haben – die in Grie­chen­land fehlt. Aha, sie fehlt, im Ver­gleich zu den ande­ren euro­päi­schen, „ent­wi­ckel­ten“ Natio­nen. Die „Unter­ent­wi­ckel­ten“ müs­sen dem­nach die Star­ken nach­ah­men und dür­fen nicht ihren eige­nen Weg fin­den. Um authen­tisch zu sein, sagt eine Trans­se­xu­elle im Film „Alles über meine Mut­ter“, muss man weder seine Tra­di­tion bewah­ren, noch die ande­ren nach­ah­men. Man muss ver­su­chen, sein eige­ner Traum zu werden.

Ent­wick­lung ist aller­dings gut, weil Men­schen dann Arbeit haben und das Leben viel­leicht ein­fa­cher ist, oder? Das Pro­blem ist aber, dass Wirt­schafts­wachs­tum und In­dustrialisierung neben­bei einen Teil der Umwelt zer­stö­ren. Und wir ver­ges­sen, wozu die Zie­gel­steine, die wir pro­du­zie­ren, da sind. Sogar in „ent­wi­ckel­ten“ Län­dern gibt es Obdach­lose. Ist das Ent­wick­lung? Ein Maß­stab für gesell­schaft­li­chen Fort­schritt ist der Lebens­stan­dard der Men­schen in Relati­on zu den ver­füg­ba­ren Mit­teln. Ich befürchte, dass die Gesell­schaf­ten der Gegen­wart in die­ser Hin­sicht sogar Pro­bleme hät­ten, mit dem Lebens­stan­dard des „dun­kels­ten“ Mit­tel­al­ters oder der Kolo­ni­al­zeit mit­zu­hal­ten. Und wahr­schein­lich kön­nen Men­schen glück­li­cher leben, wenn es zwar weni­ger, aber genug für alle gibt. Ich meine, dass Ent­wick­lung nichts Gutes ist, wenn es dabei nicht um den Men­schen, die Umwelt und die Lebens­be­din­gun­gen geht. Um zum Bei­spiel zurückzu­kommen: Es geht nicht darum, mehr Zie­gel­steine zu pro­du­zie­ren, son­dern genug. Wenn Du „mehr“ denkst, nimmst du an, Ent­wick­lung sei gut.

von Yian­nis Brou­zos Athen, Griechenland