Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:James_Shikwati_at_TEDGlobal_2007_detail.jpg

Ent­wick­lungs­hilfe abschaf­fen! Es geht um die Würde des Menschen

Was pas­siert, wenn ein hon­du­ra­ni­scher katho­li­scher Bischof, ein mar­xis­ti­scher Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und ein euro­päi­scher Ent­wick­lungspo­li­ti­ker über die Frage debat­tie­ren „Ist Ent­wick­lungs­hilfe sinn­voll?“. Die Debatte würde um die übli­chen The­men krei­sen: Erhö­hung der euro­päi­schen Ent­wick­lungs­hilfe, Ent­schul­dung, Kon­di­tio­na­li­tä­ten etc., säße da nicht auch der kenia­ni­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Direk­tor des ost­afri­ka­ni­schen „Inter Region Eco­no­mic Net­work“ (IREN) James Shik­wati auf dem Podium. Er plä­dierte auf dem Ökome­ni­schen Kir­chen­tag, der vom 12.-16. Mai 2010 in Mün­chen statt­fand, für die Abschaf­fung der Ent­wick­lungs­hilfe, da sie die Würde vie­ler Afri­ka­ne­rIn­nen unter­grabe. „Wenn Hilfe die Men­schen­würde ver­letzt, hört sie auf, Hilfe zu sein“ erklärt Shik­wati. Sie würde gar ins Gegen­teil ver­kehrt und hemme unter­neh­me­ri­sche Krea­ti­vi­tät, da Sie die Fähig­kei­ten der betrof­fe­nen Men­schen igno­riere. „Wenn soge­nannte Exper­ten in Europa ent­schei­den, was für Afri­ka­ne­rIn­nen gut ist, wer­den Men­schen, in den Ent­wick­lungs­län­dern, regel­mä­ßig zu unmün­di­gen Objek­ten degra­diert.“
The­men der Nord-Süd-Gerechtigkeit waren auf dem Ökume­ni­schen Kir­chen­tag pro­mi­nent ver­tre­ten. Die Mehr­zahl der Besu­che­rIn­nen inter­es­sierte sich denn auch dafür, wie eine huma­nere Welt mög­lich sei.

Kei­ner der Podi­ums­teil­neh­mer ging auf Shik­wa­tis Argu­mente ein. Woll­ten sie nicht oder ver­stan­den sie ihn nicht? Sie führ­ten viel­mehr eine Dis­kus­sion unter sich dar­über, was die Euro­päe­rIn­nen bes­ser machen kön­nen. Der mar­xis­ti­sche Ökonom Jean Zieg­ler for­derte eine Erhö­hung der staat­li­chen Ent­wick­lungs­hil­fen, der katho­li­sche Bischof Rod­ri­guez Mara­diga lobte die umfang­rei­che Hilfe für Haiti und Eck­hard Deut­scher, Vor­sit­zen­der des Ent­wick­lungs­aus­schus­ses der OECD, for­derte mehr Leis­tungs­be­wusst­sein auf Sei­ten der Afri­ka­ner. Nie­mand fragte danach, was Afri­ka­ner wol­len oder wel­che Kon­zepte in Afrika ent­wi­ckelt wer­den. Denn das Ziel, die Ent­wick­lung Afri­kas, schien bereits klar zu sein. Über den Inhalt von Ent­wick­lung wurde nicht dis­ku­tiert, nur über das „wie­viel“ und „wie schnell“. Ein­zig Shik­wati machte seine Vor­stel­lun­gen expli­zit. Ent­wick­lung bedeute, krea­tiv Ideen für das eigene Lebens­um­feld zu ent­wi­ckeln, mit Respekt vor der Geschichte und der jewei­li­gen Kultur.

Shik­wati klagte nicht die euro­päi­schen Zuhö­re­rIn­nen im Saal an, son­dern appel­lierte an sie, von den Ent­wick­lungs­hil­fe­wer­ken zu for­dern, die Fol­gen ihrer Hilfe auf­zu­de­cken, wie etwa die Schä­den für Tex­til– und Agrar­märkte infolge gut gemein­ter Klei­der­spen­den oder bil­li­ger EU-Agrar-Exporte. Beson­ders betonte er aber die kul­tu­rel­len Wir­kun­gen der Ent­wick­lungs­hilfe und die· dar­aus resul­tie­rende Wahr­neh­mung zwi­schen Euro­päe­rIn­nen und Afri­ka­ne­rIn­nen. Durch regel­mä­ßige Geld­flüsse von Nord nach Süd zu Bedin­gun­gen des Nor­dens ver­fes­tige sich unter Afri­ka­ne­rIn­nen ein Bewusst­sein, dass sie ohne das Zutun der Euro­päe­rIn­nen keine Pro­jekte umset­zen und nichts eige­nes ent­wi­ckeln kön­nen. Auf der euro­päi­schen Seite würde die Vor­stel­lung eines elen­di­gen afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents zemen­tiert und· den jun­gen Euro­päe­rIn­nen in „Frei­wil­li­gen­pro­jek­ten“ der Sta­tus von Ent­wick­lungs­ex­per­tIn­nen eingeräumt.

Shik­wa­tis The­sen waren für die Mehr­zahl der Zuhö­re­rIn­nen offen­sicht­lich unge­wohnt und neu. Einige Nach­fra­gen ziel­ten ledig­lich dar­auf, dass er seine Aus­füh­run­gen· wie­der­ho­len solle. So die immer wie­der keh­rende Frage, was Ein­zelne denn kon­kret für die Ent­wick­lungs­län­der tun kön­nen. Von Ver­un­si­che­rung zeugte auch die Publi­kums­frage, ob Shik­wati auch die kirch­li­che Ent­wick­lungs­hilfe in seine Kri­tik mit ein­be­ziehe. Offen­sicht­lich rüt­telte der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an vor­herr­schen­den Über­zeu­gun­gen und an den ein­fa­chen Rezep­ten, wie Gutes zu tun sei.
Das Publi­kum ver­ließ den Saal mit vie­len Fra­gen. Ein­zig die „Exper­ten“ auf dem Podium schie­nen nicht ins Grü­beln gekom­men zu sein.

Caro­line Autha­ler, 2010

 

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