Exo­tik

Das Exo­ti­sche erscheint auf­grund von zwei Eigen­schaf­ten anzie­hend, von denen zumin­dest eine erfüllt sein muss. Einer­seits weil es in einem spe­zi­fi­schen Kon­text ver­meint­lich unüb­lich oder sel­ten ist. Ande­rer­seits, weil es von fremder, bzw. räum­lich weit ent­fern­ter Her­kunft erscheint.

Die Exo­tik als posi­tive Sti­li­sie­rung des Frem­den hat in der euro­päi­schen Geschichte eine lange Tra­di­tion und lässt sich grob in zwei Pha­sen tei­len. Die erste Phase beginnt mit den gro­ßen „Ent­de­ckungs­fahr­ten“ im 15. und 16. Jahr­hun­dert. Im Zuge der­sel­ben wuchs das Wis­sen über andere Welt­ge­gen­den und deren Bewoh­ne­rIn­nen und damit auch das Inter­esse an die­sen. Von Beginn an war die Ästhe­tik der Exo­tik eng mit der Ero­tik ver­knüpft. So gal­ten bei­spiels­weise die Frauen in der Süd­see als natur­ver­bun­den, sinn­lich und unge­zwun­gen und boten dadurch eine Pro­jek­ti­ons­flä­che, um der restrik­ti­ven euro­päi­schen Sexu­al­mo­ral zu ent­flie­hen. Exo­ti­sche Motive boten auf­grund ihrer „Fremd­heit“ die Mög­lich­keit Dinge zu zei­gen, die sonst als unsitt­lich gal­ten. Dies war ein wich­ti­ger Grund dafür, dass in Kunst, Lite­ra­tur oder auch in der Mode immer wie­der auf exo­ti­sche Ele­mente zurück­ge­grif­fen wurde. Des Wei­te­ren wurde mit Exo­tik Luxus und Genuss in Ver­bin­dung gebracht. Zum Bei­spiel fan­den sich, beson­ders wäh­rend des Barock, an allen Fürs­ten­hö­fen sol­che Motive. Die zweite Phase begann mit der Zivi­li­sa­ti­ons­flucht des aus­ge­hen­den 18. und begin­nen­den 19. Jahr­hun­derts und der damit ver­bun­de­nen Kri­tik an Indus­tria­li­sie­rung und Urba­ni­sie­rung . Ein prä­gen­des exo­ti­sches Motiv die­ser Zeit ist der „Edle Wilde“ der im Ein­klang mit der Natur und sich selbst lebt. Exo­tik diente hier also als Flucht­punkt aus der als pro­ble­ma­tisch ange­se­he­nen eige­nen Kul­tur, indem sie ein roman­ti­sches Idyll auf andere Kul­tu­ren pro­ji­zierte. Zu die­ser Zeit wurde auch der Ori­ent als exo­ti­sche Pro­jek­ti­ons­flä­che immer wich­ti­ger, was vor allem bei der zeit­ge­nös­si­schen Archi­tek­tur, wie bei­spiels­weise der „Moschee“ im Schloss­gar­ten von Schwet­zin­gen, zu beob­ach­ten ist.

Ab Mitte des 19. Jahr­hun­derts wurde die Exo­tik zu einem Mas­sen­phä­no­men. Dies hängt maß­geb­lich mit Ihrer Funk­tion zur Anre­gung des Kon­sums zusam­men. Die Wer­bung arbei­tete mit· ein­präg­sa­men Moti­ven wie dem „Sarotti-Mohr“, um ihren Pro­duk­ten den Glanz des Außer­ge­wöhn­li­chen zu ver­lei­hen. Neben der Wer­bung waren es vor allem die publi­kums­wirk­sa­men Schau­stel­lun­gen exo­ti­scher Men­schen und Tiere in den Zoo­lo­gi­schen Gär­ten, Völ­ker­schauen und Museen der Zeit, wel­che zur Ver­brei­tung die­ses Phä­no­mens bei­tru­gen. Anhand die­ser Bei­spiele zeigt sich auch ein wei­te­res wich­ti­ges Ele­ment der Exo­tik. Das Dar­ge­stellte muss dabei immer etwas Außer­ge­wöhn­li­ches und Frem­des haben, ohne dabei aber ver­stö­rend, unver­ständ­lich oder bedroh­lich zu wir­ken – wie zum Bei­spiel das wilde Tier, sicher ver­wahrt in einem Käfig. Das Exo­ti­sche ist also für die betrach­tende Per­son nicht wirk­lich fremd, son­dern wird von ihr nur als sol­ches emp­fun­den, ist eigent­lich aber an deren gewohn­ten ästhe­ti­schen Bedürf­nis­sen und ihr bekann­ten For­men orientiert.

An die­sem Punkt zeigt sich die pro­ble­ma­ti­sche Seite exo­ti­scher Dar­stel­lun­gen. Deren Ent­ste­hung fand im Kon­text kolo­nia­ler Expan­sion und der Beherr­schung andere Kul­tu­ren durch die Euro­päe­rIn­nen statt. Des­we­gen fin­det sich in exo­ti­schen Moti­ven häu­fig auch Gedan­ken­gut kolo­nia­lis­ti­schen und ras­sis­ti­schen Zuschnitts wie­der, da dies dem gewohn­ten Blick der Men­schen auf das Fremde ent­sprach. Bei­spiels­weise wird bei exo­ti­sie­rend dar­ge­stell­ten Kul­tu­ren meis­tens deren Pri­mi­ti­vi­tät betont. Diese Dar­stel­lungs­weise ent­spricht der durch die Auf­klä­rung weit ver­brei­te­ten Vor­stel­lung einer Stu­fen­lei­ter kul­tu­rel­ler Ent­wick­lung, an deren Spitze immer der weiße, euro­päi­sche Mann gese­hen wurde. Die Exo­tik ist aber nicht nur ihrem Inhalt nach mit ras­sis­ti­schen und xeno­pho­ben Vor­stel­lun­gen ver­wandt, son­dern vor allem auch ihrer Form und Struk­tur nach. Das in exo­ti­scher Weise dar­ge­stellte wird näm­lich einer radi­ka­len Ver­ein­fa­chung sei­ner Kom­ple­xi­tät unter­zo­gen, die keine Dif­fe­ren­zie­run­gen zulässt. Dabei wer­den immer die frem­den Merk­male her­aus­ge­stellt und damit überbetont.

Jedes exo­ti­sche Motiv besteht nur aus einer sehr begrenz­ten Anzahl von Bilds­te­reo­ty­pen und kli­schee­haf­ten Vor­stel­lun­gen, wel­che nur schwer zu ver­än­dern sind. Ein Grund dafür ist, dass bei die­ser Art der Dar­stel­lung die darin ent­hal­te­nen Ideen und Vor­ur­teile im All­tag extrem prä­sent sind und von den Men­schen vor allem über die Wer­bung unbe­wusst auf­ge­nom­men und als Wahr­heit akzep­tiert wer­den. Auf­grund die­ser Bestän­dig­keit der Ste­reo­type und Kli­schees fin­den sich auch heut­zu­tage in der Wer­bung und der Kon­sum­welt zahl­rei­che kolo­niale Motive.

Jan Die­bold, Okto­ber 2011