White Charity

Film­vor­füh­rung: „White Cha­rity“ (14. Juni 2012)

Filmvorführung und Autorengespräch

Am Abend des 14. Juni 2012 luden schwarz­weiss e.V. und das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­fe­rat der Fach­schafts­kon­fe­renz (FSK) zur Vor­füh­rung des Films „White Cha­rity“ und anschlie­ßen­dem Auto­ren­ge­spräch mit Timo Kie­sel ins Völ­ker­kun­de­mu­seum Hei­del­berg ein. Trotz strah­len­dem Son­nen­schein und zeit­glei­chen Spie­len der Fussball-Europameisterschaft erschie­nen gut 100 Zuschauer_innen zur Ver­an­stal­tung im Rah­men des Fes­ti­val contre le Racisme.

Nach Begrü­ßung und Ein­füh­rung durch die FSK und schwarz­weiss konnte der knapp 50-minütige Film begin­nen. Die doku­men­ta­ri­sche low-budget Pro­duk­tion von Timo Kie­sel und Caro­line Phil­lipp folgt der Frage, wie auf Spen­den­pla­ka­ten gro­ßer, in der Ent­wick­lungszu­sam­men­ar­beit (EZ) täti­ger Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NRO) Weiße und Schwarze Iden­ti­tä­ten pro­du­ziert wer­den. Dabei ver­tre­ten sie die Ansicht, dass viele (aber längst nicht alle) NROs part­ner­schaft­li­che und par­ti­zi­pa­to­ri­sche Ideale ver­fol­gen, diese jedoch durch eine an kolo­niale und ras­sis­ti­sche Denk­mus­ter anknüp­fende Bild­spra­che kon­ter­ka­rie­ren. NROs, die mit ihrer Bil­der­spra­che his­to­ri­sche und gegen­wär­tige Ungleich­heits­ver­hält­nisse in den Nord-Süd-Beziehungen repro­du­zie­ren statt bekämp­fen, bestä­ti­gen die Macht­ver­hält­nisse, die sie eigent­lich besei­ti­gen wollen.

Im Film las­sen Kie­sel und Phil­ipp bekannte Wissenschaftler_innen zu Wort kom­men. Peggy Pie­sche, Lite­ra­tur– und Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin, inter­pre­tiert Pla­kate von der Kin­der­not­hilfe, Brot für die Welt, Care und Mise­reor und belegt, wie Schwarze Iden­ti­tät ent­lang der Attri­bute „ursprüng­lich“, „krank“, „unge­bil­det“, „kol­lek­tiv“ und „schwei­gend“ als unter­ent­wi­ckelt und defi­zi­tär kon­stru­iert wird. Dem Fremdbild steht das Selbst­bild der Wei­ßen Iden­ti­tät als „modern“, „gesund“, „gebil­det“, „indi­vi­du­ell“ und „spre­chend“ gegen­über. Armut auf der einen und Reich­tum und Wohl­stand auf der ande­ren Seite wer­den nicht in ihrem Ver­hält­nis dar­ge­stellt, so dass sich der Spen­dende allein als han­deln­des und mora­lisch inte­ge­res Sub­jekt, das keine Ver­ant­wor­tung für die Ursa­chen der Ungleich­heit trägt, defi­niert. Der Eth­no­loge Klaus-Peter Köp­ping weist dar­auf hin, dass die his­to­ri­schen, kolo­nia­len Wur­zeln der Ungleich­heit und die gegen­wär­tige wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung uner­wähnt blei­ben. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Auto­rinn Grada Kilomba stellt in die­sem Kon­text die wich­tige Frage: Wer hilft hier eigent­lich wem? Hilft der Weiße dem Schwar­zen zu einem bes­se­ren Leben oder ver­hilft nicht der Schwarze dem Wei­ßen dazu, sich von sei­ner his­to­ri­schen Schuld zu befreien? Sie betont, dass viele Part­ner der EZ im glo­ba­len Süden die Gel­der als Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen anse­hen wür­den und eröff­net dem/der Zuschauer_in damit eine neue Per­spek­tive auf den glo­ba­len Geld­trans­fer. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Aram Ziai kri­ti­siert genau das, was die Pres­se­spre­cher zweier NGOs im Film als legi­tim bean­spru­chen: eine prag­ma­ti­sche Her­an­ge­hens­weise. Sowohl Danuta Sacher von Brot für die Welt als auch Sascha Decker ver­tei­di­gen die Bild­spra­che ihrer Arbeit­ge­ber. Sie müs­sen ein brei­tes Spek­trum an Spender_innen abde­cken und kei­ner soll ver­schreckt oder ver­är­gert wer­den. Wie Ziai sagt: „Die Bil­der funk­tio­nie­ren“ – und sichern damit die Finan­zie­rung der NGOs.

Wie auch die anschlie­ßende Dis­kus­sion mit Timo Kie­sel zeigte, stellt der Film seine Zuschauer_innen vor die Frage: Was soll/kann ich nun machen? Auch dar­auf geben Pie­sche, Köp­ping und Kilomba eine Ant­wort. Zuerst sollte jeder seine eig­nen Bil­der und Asso­zia­ti­ons­ket­ten einer kri­ti­schen Selbst­re­fle­xion unter­zie­hen und dann gut über­le­gen, was inner­halb des beste­hen­den Sys­tems mög­lich ist. Zum Bei­spiel könnte jede_r in sei­nem Umfeld die poli­ti­schen und ökono­mi­schen Wur­zeln beste­hen­der glo­ba­ler Pro­bleme the­ma­ti­sie­ren und nach Mög­lich­kei­ten suchen, poli­ti­schen Druck auf Entscheidungsträger_innen aus­zu­üben. Zudem wäre es mög­lich, dem ras­sis­ti­schen Dis­kurs einen neuen Dis­kurs mit ande­rem Voka­bu­lar ent­ge­gen­zu­set­zen. Warum noch län­ger von Hilfe spre­chen, wenn das Geld von vie­len Empfänger_innen als Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen emp­fun­den wird?

Im Gespräch mit Caro­line Autha­ler und Diana Grie­sin­ger von schwarz­weiss e.V. erzählte Kie­sel anschlie­ßend von der Idee zum Film, der lan­gen, auto­di­dak­ti­schen Arbeit daran und der gro­ßen und durch­aus gemisch­ten Reso­nanz. Er erklärte, dass die Bil­der der Spen­den­pla­kate grade des­halb so gut wir­ken und so viele Spender_innen anspre­chen, da sie an eta­blierte Dis­kurse anknüp­fen und Bil­der von Afrika ver­mit­teln, die viele bereits seit ihrer Kind­heit ken­nen. Erar­bei­tet wer­den die Pla­ka­ten zudem von pro­fi­lierte Wer­be­agen­tu­ren, die auf inten­sive For­schun­gen zum Fund­rai­sing zurück­grei­fen können.

Aus dem Publi­kum kam schließ­lich die Frage, wie das Publi­kum im Glo­ba­len Süden auf den Film rea­giert hätte. Kie­sel betont, dass auch die Reak­tio­nen aus Län­dern des Südens unter­schied­lich aus­fal­len. Einige zeig­ten sich unbe­rührt davon, mit­hilfe wel­cher Bil­der die Gel­der gesam­melt wer­den, andere wie­derum erach­te­ten es als ein wich­ti­ges Thema. Wich­tig ist jedoch auch die Frage, wie die Spen­den­pla­kate von Schwar­zen und People of Colour in Deutsch­land auf­ge­nom­men wer­den, die täg­lich mit Pla­ka­ten, Vor­ur­tei­len und damit struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus kon­fron­tiert werden.

Aus dem Publi­kum kam der Ein­wand, dass es auch viele NROs gebe, die für Weiße Hilfs­be­dürf­tige Gel­der sam­meln. Mit Bild­ma­te­rial von Wei­ßen würde jedoch sehr viel vor­sich­ti­ger umge­gan­gen, ent­geg­nete Kie­sel. Ihm seien in den letz­ten acht Jah­ren ledig­lich 3 Pla­kate mit hilfs­be­dürf­ti­gen Wei­ßen begeg­net. Eine wei­tere Frage aus dem Publi­kum regte zum Nach­den­ken an: Wäre es vor­stell­bar, dass auch Schwarze Men­schen aus dem Glo­ba­len Süden als Geldgeber_innen und Spender_innen auf­trä­ten? Zwar gibt es inzwi­schen viel Süd-Süd-Entwicklungszusammenarbeit, jedoch bezie­hen sich diese zumeist eben­falls auf das west­li­che Ent­wick­lungs­pa­ra­digma. Was man bis­her ver­geb­lich suche, sei ein Trans­fer von Wis­sen, Expert_innen, Tech­no­lo­gie oder Geld vom Süden in den Nor­den. Nur wenige Aus­nah­men, wie das Zugvögel-Programm, das Frei­wil­li­gen­dienste als Aus­tausch durch­führt, wür­den lang­sam entstehen.

Nach vie­len wei­te­ren Fra­gen aus dem Publi­kum endete die Ver­an­stal­tung gegen 22 Uhr und die Dis­kus­sio­nen ver­la­ger­ten sich auf die Ter­rasse des Völ­ker­kun­de­mu­se­ums, wo bereits Getränke auf das Publi­kum warteten.

Frie­de­rike Faust, Juni 2012