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HERR­li­che Sprache

Von der gedanklichen (Un)Möglichkeit von »Rabenvätern« und »Männerheldinnen«

Spre­chen ist Den­ken. Die Kate­go­rien, in denen wir den­ken, wer­den vor­ge­ge­ben von sprach­li­chen Bezeich­nun­gen. Unsere Spra­che hat star­ken Ein­fluss dar­auf, wie wir die Wirk­lich­keit wahr­neh­men, ja wie sich die Wirk­lich­keit gestal­tet. Gleich­zei­tig beein­flus­sen die Dinge, die wir in der Wirk­lich­keit vor­fin­den, unsere Spra­che. In die­ser Kon­se­quenz ist auch die sprach­li­che Sphäre Schau­platz eman­zi­pa­to­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen gewor­den. Die Kri­tik von geschlechts­spe­zi­fi­schen Dis­kri­mi­nie­run­gen im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch fin­det einen Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt im Gebrauch des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums, also wenn männ­li­che Per­so­nen­be­zeich­nun­gen ver­all­ge­mei­nernd auch für Frauen ste­hen sol­len.

Für die Ver­wen­dung des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums wird ange­führt, dass das Genus als die rein for­male Eigen­schaft der Spra­che nichts mit dem Sexus, also dem bio­logi– schen Geschlecht, zu tun habe. Dem­nach sprä­che nichts dage­gen nur die männ­li­che Form zu ver­wen­den, da sie doch beide Geschlech­ter mei­nen könne. Mit »die Ban­ken­ma­na­ger« sind folg­lich sowohl Josef Acker­mann (CEO Deut­sche Bank) als auch Chris­tina Gold (CEO Wes­tern Union) gemeint. Die spre­chende Per­son setzt also bei Ver­wen­dung des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums vor­aus, dass das Gespro­chene und para­do­xer­weise das Nicht-Ausgesprochene bei den Zuhö­ren­den die glei­che Wir­kung hat: »Du weißt doch, dass ich Frauen damit genauso meine.« Zu Grunde liegt die fal­sche Annahme, Spra­che hänge von der Inten­tion der spre­chen­den Per­son ab, tat­säch­lich wird sie aber genauso von der Inter­pre­ta­tion der zuhö­ren­den Per­son geformt. Diese Inter­pre­ta­tion voll­zieht sich auch in unbe­wuss­ten Asso­zia­ti­ons­pro­zes­sen, die mas­siv von Rol­len­bil­dern und Kli­schees beein­flusst sind.

Dies belegt eine 2001 von Stahl­berg und Scze­nesny an der Uni Mann­heim durch­ge­führte Stu­die zu den Effek­ten des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums auf den gedank­li­chen Ein­be­zug von Frauen. Es konnte nach­ge­wie­sen wer­den, dass die aus­schließ­li­che Nen­nung der mas­ku­li­nen Form im gene­ri­schen Sinne dazu führt, dass Frauen weni­ger mit­ge­dacht wer­den und somit unsicht­bar blei­ben. Bei­spiels­weise nann­ten bei der Frage nach »berühm­ten Sän­gern« sowohl männ­li­che als auch weib­li­che Ver­suchs­per­so­nen weni­ger Sän­ge­rin­nen als bei der Frage nach »berühm­ten Sän­ge­rin­nen oder Sän­gern«. Frauen wur­den bei der Beant­wor­tung der Frage am häu­figs­ten mit­ge­dacht, wenn das Binnen-I (»berühmte Sän­ge­rIn­nen«) ver­wen­det wurde. Die vie­len Sän­ge­rin­nen wer­den in der ers­ten Fra­gen­va­ri­ante durch das gene­ri­sche Mas­ku­li­num zwar vor­geb­lich mit ein­be­zo­gen, sie blei­ben aber bei der Beant­wor­tung der Frage unsicht­bar. Die­ser Mecha­nis­mus wirkt ebenso im täg­li­chen Sprach­ge­brauch, wenn etwa von Wis­sen­schaft­lern, Inves­to­ren oder Auto­fah­rern gespro­chen wird. Das gene­ri­sche Mas­ku­li­num erweist sich somit als pseudogenerisch.

Die Befür­wor­te­rIn­nen des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums füh­ren oft das Argu­ment der »unzu­mut­bar umständ­li­chen Rede­weise« sowie der »schlech­ten Les­bar­keit« ins Feld. Die Abwei­chung von der gene­ri­schen Norm führe zu »Stol­per­stei­nen« beim Lesen, lenke damit vom eigent­li­chen Thema ab und habe zudem ein unäs­the­ti­sches Schrift­bild zur Folge.  Als Zuge­ständ­nis an die femi­nis­ti­sche Sprach­kri­tik wird da– her oft zu Beginn eines Tex­tes dar­auf hin­ge­wie­sen, dass »im fol­gen­den zwecks bes­se­rer Les­bar­keit das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ver­wen­det« werde, aber Frauen selbst­ver­ständ­lich  mit­ge­meint seien. Dass diese so genannte Stern­chen­stra­te­gie ins Leere läuft, wird nicht zuletzt durch die oben erwähnte Stu­die deut­lich. Das Stol­pern beim Lesen, wel­ches durch die Beid­nen­nung oder das Binnen-I ver­ur­sacht wird, weist viel­mehr dar­auf hin, dass unser gewohn­ter Ver­ar­bei­tungs­pro­zess durch­ein­an­der gebracht wird. Beson­ders dann, wenn geschlech­ter­un­ty­pi­sche Eigen­schaf­ten beschrie­ben wer­den, führt dies zu einer Abnahme der Lese­ge­schwin­dig­keit, da eine höhere kogni­tive Leis­tung bei der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung erfor­der­lich ist. Schließ­lich fällt das Ein­ord­nen neuer Infor­ma­tio­nen in vor­han­dene Schub­la­den deut­lich leich­ter als das Auf­neh­men von
Infor­ma­tio­nen, die eben jene Kate­go­rien in Frage stel­len. So wider­spricht die Satz­folge »Müt­ter soll­ten sams­tags zu Hause sein. Sonst ver­pas­sen sie die Sport­schau.« unse­ren Erwar­tun­gen, weil wir die­sen Zusam­men­hang auf Grund unse­rer Vor­stel­lun­gen von Geschlech­ter­rol­len nicht ver­mu­tet haben. Hieran wird deut­lich, wie sehr unser Den­ken und unser Sprach­ge­brauch von Ste­reo­ty­pen bestimmt wird. Diese auto­ma­ti­sierte Zuord­nung von Eigen­schaf­ten dis­kri­mi­niert Men­schen, die aus die­sen Rol­len­bil­dern her­aus­fal­len. Gleich­zei­tig wird rol­len­kon­for­mes Ver­hal­ten ver­fes­tigt und repro­du­ziert. Wir spre­chen von dem, was wir tun, und tun, wovon wir spre­chen. Solange Frauen, wenn auch nur unbe­wusst, eine gerin­gere Aus­prä­gung der Durch­set­zungs­fä­hig­keit und ande­rer lea­dership qua­li­ties zuge­spro­chen wer­den, wer­den sie im Wett­be­werb mit Män­nern um Füh­rungs­po­si­tio­nen benach­tei­ligt blei­ben. Natür­lich gibt es bereits Frauen in lei­ten­den Posi­tio­nen. Solange sie jedoch als Aus­nahme gel­ten, ihr Erfolg mit kör­perlicher Attrak­ti­vi­tät erklärt wird oder ihnen »männ­li­che Ver­hal­tens­wei­sen« attes­tiert wer­den, kann von einer selbst­ver­ständ­li­chen Gleich­be­rech­ti­gung nicht aus­ge­gan­gen werden.

Für die Zuschrei­bung von unter­schied­li­chen Eigen­schaf­ten bei Män­nern und Frauen spricht auch eine geson­derte sprach­li­che Mar­kie­rung: Da bei »der Frau« der beruf­li­che Erfolg ein rol­len­un­ty­pi­sches Merk­mal dar­stellt, wurde das neue Sub­stan­tiv »Kar­rie­re­frau« geschaf­fen, um »Frau« und »Kar­riere« über­haupt erst zusam­men den­ken zu kön­nen. Dahin­ge­gen war die Wort­neu­schöp­fung »Kar­rie­re­mann« nicht not­wen­dig, weil beruf­li­cher Erfolg dem Rol­len­bild  »Mann« bereits inne­wohnt. Die­ses geschlechtsspezifisch-stereotype Den­ken mani­fes­tiert sich auch in wei­te­ren Rede­wen­dun­gen wie »Milch­mäd­chen­rech­nung« (für Nai­vi­tät und sim­ples Den­ken) oder  »sei­nen Mann ste­hen« (für Durch­hal­te­ver­mö­gen und Verantwortungsbereitschaft ).

Dar­über hin­aus wer­den ein und die­sel­ben Eigen­schaf­ten bei Män­nern und Frauen unter­schied­lich bewer­tet. Dies zeigt sich unter ande­rem im sozia­len Ver­hal­ten: Hier führt sexu­elle Umtrie­big­keit auf der einen Seite zur posi­tiv kon­no­tier­ten Bezeich­nung »Frau­en­held« und ande­rer­seits zur pejo­ra­ti­ven Belei­di­gung »Schlampe«. Auch wird die (ver­meint­li­che) Ver­nach­läs­si­gung von Kin­dern bei den Eltern­tei­len unter­schied­lich auf­ge­nom­men: Die Frau wird schnell zur gesell­schaft­lich sank­tio­nier­ten »Raben­mut­ter«, beim Mann blei­ben wir sprach­los, weil es in unse­rer Spra­che an einem männ­li­chen Pen­dant fehlt. Ein mora­li­sches Urteil über sein Ver­hal­ten fällt mil­der aus.

Spra­che führt hier zu einer fak­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung, da Frauen in die­sem Kon­text durch die soziale Ver­ur­tei­lung in ihrer Hand­lungs­frei­heit ein­ge­schränk­ter sind als Män­ner. Wenn wir spre­chen, üben wir Macht aus. Durch unsere Wort­wahl beein­flus­sen wir, wel­che Dinge in der Welt wir mit Auf­merk­sam­keit bele­gen, wie Sach­ver­halte bewer­tet und wel­che Geschlech­ter­ei­gen­schaf­ten Men­schen zuge­schrie­ben wer­den. Die Ver­wen­dung von Spra­che ist folg­lich auch ein poli­ti­scher Akt, mit wel­chem wir Macht­ver­hält­nisse repro­du­zie­ren oder reflek­tie­ren und ver­än­dern kön­nen;  mit ihrem Gebrauch geht Ver­ant­wor­tung ein­her. Für die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau und Mann ein­zu­tre­ten und gleich­zei­tig für den Erhalt des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums zu plä­die­ren ist logisch inkon­se­quent. Eine Ver­wen­dung neu­tra­ler For­men wie »Publi­kum« statt »Zuschauer« umschifft das Pro­blem der Unsicht­bar­keit von Frauen in unse­rer All­tags­spra­che, doch erst die Nen­nung bei­der For­men oder das Schrei­ben des Binnen-Is schafft Bewusst­sein für diese Pro­ble­ma­tik. Gen­dersen­si­ble Spra­che wirkt zwar auf die Wirk­lich­keit, kann jedoch nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es an der fak­ti­schen Umset­zung eines gleich­be­rech­tig­ten Mit­ein­an­ders der Geschlech­ter wei­ter­hin mangelt.

Jas­min Tran und Nina Marie Bust-Bartels
in un!mut Aus­gabe März 2010