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Ich fahr da nicht hin!“

Der WM-Gastgeber Südafrika in den deutschen Medien

Über die bevor­ste­hende Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft wird wie üblich mit gro­ßem Medi­en­auf­wand berich­tet. Oft fin­det die Bericht­er­stat­tung auf sachlich-neutraler Ebene statt. Doch dies­mal gibt es eine Beson­der­heit: mit Süd­afrika als Gast­ge­ber­land wird die erste WM auf afri­ka­ni­schem Boden aus­ge­tra­gen. Dies scheint Anlass dazu zu geben, die ver­schie­dens­ten kli­schee­haf­ten Vor­stel­lun­gen über „Afrika“ in die Bericht­er­stat­tung ein­flie­ßen zu lassen.

Einer der am meis­ten behan­del­ten und dabei am wenigs­ten dif­fe­ren­ziert beschrie­be­nen Aspekte ist das Thema Sicher­heit und Kri­mi­na­li­tät. Die SZ beschwört bei­spiels­weise ein Bild von Johan­nes­burg als „der gefähr­lichs­ten Stadt der Welt“, in der „alle die all­ge­gen­wär­tige Angst ver­bin­det.“ Der WM-Programmchef der ARD, Tho­mas Wehrle, warnt die eige­nen Mit­ar­bei­ter, dass schuss­si­chere Wes­ten „eh nichts hel­fen“, denn „die hal­ten dort die Knarre gleich an den Kopf.“ Ver­schie­dene Pro­mi­nente zie­hen dar­aus ihre Kon­se­quen­zen: zahl­rei­che WaG’s (Wifes and Girl­fri­ends der Spie­ler) fah­ren nicht mit zur WM und auch Uli Hoeneß ver­kün­det: „Ich fahr da nicht hin.“ Dabei wer­den teil­weise All­tags­kri­mi­na­li­tät und Ter­ror­ge­fahr gleich­ge­setzt, wie fol­gen­des Zitat aus der FAZ zeigt: „Das latente Unbe­ha­gen gegen­über dem kom­men­den Gast­ge­ber des Welt­fuß­ball­fes­tes dürfte sich nach der Terror-Attacke auf ein Fuß­ball­team noch ver­stär­ken.“ Gemeint war der Anschlag auf den togo­le­si­schen Mann­schafts­bus im Vor­feld des Afrika-Cups im Januar 2010 in Angola. Trenn­schärfe fehlt dabei auch in ande­rer Hin­sicht: wie in vie­len Fäl­len wird zwi­schen den ein­zel­nen Län­dern Afri­kas nicht unterschieden.

In die­ses Schema fügt sich auch die Sport-Bild naht­los ein. In der Reihe „WM-Safari“ wird der deut­sche Tor­wart Manuel Neuer als Massai-Krieger abge­lich­tet – einer Bevöl­ke­rungs­gruppe, die in Ost­afrika lebt. Die exo­ti­sche Insze­nie­rung eines ste­reo­ty­pen Afri­ka­bil­des wird durch lebende Raub­kat­zen ver­stärkt, mit denen sich die deut­schen Tor­hü­ter foto­gra­fie­ren lie­ßen. Wilde Tiere und die dazu pas­sende Land­schaft stel­len über­haupt ein wie­der­keh­ren­des Motiv auch in unpas­sen­den Zusam­men­hän­gen dar. So tanzt sich Shakira in Leo­par­den­kos­tüm durch den offi­zi­el­len WM-Song, und im ZDF-Trailer bleibt Oli­ver Kahn mit sei­ner ZDF-Reporterkollegin Kat­rin Müller-Hohenstein inmit­ten von müh­sam in Fußball-Posen geschnit­te­nen Tie­ren mit dem Safari-Jeep vor einer als Steppe insze­nier­ten Land­schaft stehen.

Der Exo­tis­mus in der Bericht­er­stat­tung schlägt teil­weise aber auch in eine Spra­che um, die mit ras­sis­ti­schen Kate­go­rien arbei­tet. In der FAZ vom 6. Juni 2010 heißt es etwa: „Gemisch­tras­sige Men­schen sind sel­ten in dem Land, in dem jeder eine Viel­zahl von Rassen in sich trägt. Der weiße Eng­län­der oder Afri­kaa­ner hat iri­sche, por­tu­gie­si­sche, fran­zö­si­sche, hol­län­di­sche, deut­sche Vor­fah­ren, und gerade die Buren […] tra­gen Busch­mann­blut in sich. Die Colou­reds sind aus der Ver­mi­schung von Hol­län­dern und Deut­schen mit den Busch­män­nern hervorgegangen.“

Ins­ge­samt wird bei der Bericht­er­stat­tung über die WM mal wie­der das Bild des „fremden“, zurück­ge­blie­be­nen Afrika pro­ji­ziert. Die 41.000 zusätz­lich ange­wor­be­nen Sicher­heits­leute „wer­den kaum geschult sein“ und als „WM-Söldner“ (SZ) bezeich­net. Die Sicher­heits­be­mü­hun­gen wer­den durch Dar­stel­lun­gen einer „Amts­stube auf afri­ka­nisch“, die nach dem „Modell Möbel-Mitnahmemarkt“ (Bild) ein­ge­rich­tet sei, ins Lächer­li­che gezo­gen. Als ernst­hafte „Sicher­heits­be­mü­hung“ wird lobend erwähnt, dass „Süd­afri­ka­ni­sche Sicher­heits­fach­leute 2006 bei der WM in Deutsch­land zuge­schaut und gelernt“ (FAZ) hät­ten. Ange­sichts der zahl­rei­chen Hilfs­pro­jekte, die im Rah­men der WM für Afrika ver­an­stal­tet wer­den, und der stän­dig wie­der­hol­ten For­de­rung, das Ereig­nis müsse dem „gesam­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent“ hel­fen, scheint die Ver­gabe der Welt­meis­ter­schaft nach Süd­afrika bei­nahe eine huma­ni­täre Geste zu sein und nicht Ergeb­nis der Leis­tun­gen des Lan­des. Die gewohn­ten Rol­len vom bedürf­ti­gen Afri­ka­ner und dem hel­fen­den Euro­päer kön­nen damit wei­ter auf­recht­er­hal­ten werden.

Jan Die­bold, Hanna Brock­mann und Jan Becht
Juni 2010