intersektionalitaet

Inter­sek­tio­na­li­tät

In|ter|sek|tio|na|li|tät, die; –, –en [lat. inter = dazwi­schen; lat. sec­tio = schnei­den, zer­tei­len]: Kon­zept, das die Über­schnei­dung ver­schie­de­ner Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men in einer Per­son beschreibt.

Inter­sek­tio­na­li­tät hat als theo­re­ti­sches, ana­ly­ti­sches und politisch-aktivistisches Para­digma über ver­schie­dene kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen hin­weg in den letz­ten 30 Jah­ren immer mehr an Bedeu­tung gewon­nen. Das Kon­zept rückt das Zusam­men­wir­ken unter­schied­li­cher sozia­ler Herr­schafts– und Nor­mie­rungs­for­men sowie die dadurch her­vor­ge­brach­ten sozia­len Struk­tu­ren, Prak­ti­ken und Iden­ti­tä­ten in den Blick. Die meiste Auf­merk­sam­keit wider­fährt dabei der Wech­sel­wir­kung von race, class und gen­der („triple-oppression-theory“). Zuneh­mend wer­den jedoch auch wei­tere Dimen­sio­nen sozia­ler Ungleich­heit ange­spro­chen wie Alter, Eth­ni­zi­tät, Sexua­li­tät, Reli­gion, kör­per­li­che (Un-)Versehrtheit oder Aus­se­hen. Dabei wird davon aus­ge­gan­gen, dass diese Dimen­sio­nen ver­schränkt mit­ein­an­der wir­ken, sich gegen­sei­tig ver­stär­ken, abschwä­chen oder ver­än­dern. Einer blo­ßen Addi­tion von Dis­kri­mi­nie­rungs­ka­te­go­rien wird damit wider­spro­chen („Dop­pel­dis­kri­mi­nie­rung“). Jede Kon­stel­la­tion ist spe­zi­fisch. Inter­sek­tio­na­li­tät ist inso­fern als Erwei­te­rung der Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rungs­theo­rie zu verstehen.

Die Wur­zeln die­ses Ansat­zes sind in der US-amerikanischen Cri­ti­cal Race Theory (CRT) und im Black Femi­nism zu suchen. Die CRT ist eine aktivistisch-akademische Bewe­gung, die ras­sis­ti­sche blinde Fle­cken in der Rechts­wis­sen­schaft kri­ti­siert. Black Femi­ni­sim wen­det sich gegen die Ten­denz der über­wie­gend Wei­ßen Mittelklasse-Feministinnen, ihre spe­zi­fi­schen Erfah­run­gen und Bedürf­nisse zu ver­all­ge­mei­nern mit dem Anspruch, für alle Frauen welt­weit zu spre­chen. Als Grund­stein der Inter­sek­tio­na­li­täts­for­schung kann die Grün­dung des Com­ba­hee River Collec­tives 1974 in Bos­ton gel­ten. Die les­bi­schen, schwar­zen und sozia­lis­ti­schen Femi­nis­tin­nen beton­ten in ihrem Mani­fest „A Black Femi­nist State­ment“ von 1977 die Ver­wo­ben­heit unter­schied­li­cher Unterdrückungsmechanismen.

Der Begriff Inter­sec­tio­na­lity wurde erst 1989 von Kim­berlé Crens­haw, einer zen­tra­len Figur der CRT, in die Debatte ein­ge­führt. Mit die­ser der Ver­kehrs­füh­rung ent­nom­me­nen Meta­pher (inter­sec­tion, engl. Stra­ßen­kreu­zung) ver­suchte sie, sowohl die struk­tu­rel­len als auch die dyna­mi­schen Kon­se­quen­zen der Inter­ak­tion zwi­schen zwei oder meh­re­ren Ach­sen der Unter­drü­ckung zu erfas­sen. Die Rechts­wis­sen­schaft­le­rin kri­ti­sierte damit das ame­ri­ka­ni­sche Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz für seine Ein­di­men­sio­na­li­tät: Die spe­zi­fi­sche Dis­kri­mi­nie­rungs­lage schwar­zer Frauen wurde vor Gericht nicht aner­kannt, da sie weder den Erfah­run­gen aller Frauen, noch denen aller schwar­zer Men­schen ent­sprach, das Gesetz jedoch nur ent­we­der Geschlecht oder Haut­farbe als Dis­kri­mi­nie­rungs­grund berück­sich­tigte. So wur­den Kla­gen abge­lehnt, wenn nicht nach­ge­wie­sen wer­den konnte, dass ent­we­der alle Frauen oder eben­falls schwarze Män­ner von einer Benach­tei­li­gung betrof­fen waren. Das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz pro­du­zierte damit Aus­schlüsse und machte die spe­zi­fi­schen Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen schwar­zer Frauen unsichtbar.

Im deutsch­spra­chi­gen Raum waren es unter ande­rem Migran­tin­nen, schwarze Deut­sche, jüdi­sche Frauen oder Frauen mit Behin­de­rung, die die Ent­wick­lung einer inter­sek­tio­na­len Per­spek­tive vor­an­trie­ben. Sie kri­ti­sier­ten auch hier die oft euro­zen­tri­schen Posi­tio­nen der Frau­en­be­we­gung, oder die „Ent­ge­schlecht­li­chung“ von Frauen mit Behin­de­rung, wie sie sich bei­spiels­weise in der Beschil­de­rung von Toi­let­ten zeigt. Inter­na­tio­nal erhält das Kon­zept aber auch Ein­zug in poli­ti­sche Are­nen wie den Men­schen­rechts­dis­kurs der Ver­ein­ten Nationen.

In der Wis­sen­schaft wird der Inter­sek­tio­na­li­täts­an­satz vor allem von der Geschlech­ter­for­schung und den Cul­tu­ral Stu­dies vor­an­ge­trie­ben und rückt The­men wie Mehrfach-Identitäten, mul­ti­di­men­sio­nale Dis­kri­mi­nie­rung oder inter­de­pen­dente Macht­ver­hält­nisse in den Fokus. In den letz­ten Jah­ren fin­det das Kon­zept jedoch zuneh­mend Ein­gang in andere Berei­che wie Bil­dungs­wis­sen­schaft, Kul­tur­an­thro­po­lo­gie und Eth­no­lo­gie, Rechts­wis­sen­schaft, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Geschichte, Poli­tik– und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Die Frucht­bar­keit des Ansat­zes liegt darin, dass er trans­dis­zi­pli­nä­res Den­ken för­dert, Per­spek­ti­ven auf bis­lang Unsicht­ba­res und Unsag­ba­res öffnet und neue theo­re­ti­sche, ana­ly­ti­sche aber auch akti­vis­ti­sche Unter­neh­mun­gen nötig macht. Pro­ble­ma­tisch an die­ser Offen­heit des Ansat­zes ist jedoch, dass er metho­disch wenig fest­ge­legt und unklar ist. Kri­ti­sche Stim­men mer­ken außer­dem an, dass gerade in Deutsch­land die Inter­sek­tio­na­li­täts­for­schung vor allem von wei­ßen Akademiker_innen in siche­ren Posi­tio­nen und exklu­si­ven Netz­wer­ken betrie­ben wird und sich oft stark auf gegen­wär­tige groß­städ­ti­sche Räume kon­zen­triert. Post­ko­lo­niale, anti­ras­sis­ti­sche und gesell­schafts­kri­ti­sche Blick­win­kel soll­ten den inter­sek­tio­na­len ergän­zen, um auch den his­to­ri­schen und glo­ba­len Kon­text der ver­wo­be­nen Dis­kri­mi­nie­rungs­ach­sen zu erfassen.

von Frie­de­rike Faust, schwarz­weiss e.V.

April 2013