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Inter­view schwarz­weiss mit Prof. Dr. Inken Keim

Migration und Sprache

20. März 2012, Café Jour­nal am Markt­platz in Mannheim

Inken Keim war bis 2008 am Insti­tut für Deut­sche Spra­che in Mann­heim sowie an der Uni­ver­si­tät Mann­heim tätig. Im Rah­men des DFG-Projekts „Sprach­va­ria­tion als kom­mu­ni­ka­tive Pra­xis“ arbei­tete sie zu kom­mu­ni­ka­ti­ven Sti­len und Sprach­va­ria­tion in domi­nant tür­ki­schen Migran­tin­nen­grup­pen. Dabei kon­zen­trierte sie sich auf die soge­nann­ten Power­girls, eine Mäd­chen­gruppe im Mann­hei­mer Stadt­teil Jung­busch und ana­ly­sierte die für sie typi­sche Misch­spra­che. Ihr neu­es­tes Buch über Mehr­spra­chige Lebens­wel­ten: Spre­chen und Schrei­ben der tür­kisch­stäm­mi­gen Kin­der und Jugend­li­chen (Narr, 2012) bie­tet einen sehr guten Ein­stieg in die The­ma­tik Migra­tion und Sprache.

sw: Liebe Frau Keim, der Ver­ein schwarz­weiss hat sich das Jah­res­thema „Identität(en)“ gege­ben. Als Sozio­lin­gu­is­tin haben Sie beson­ders die sozia­len Funk­tio­nen von Spra­che und Kom­mu­ni­ka­tion im Blick. Wel­che Rolle spielt Spra­che bei der Iden­ti­täts­bil­dung von Menschen?

IK: Spra­che ist neben dem Äuße­ren, neben Klei­dung, Haupt­farbe usw. das, was als ers­tes wahr­ge­nom­men wird, wenn man mit Leu­ten zu tun hat. Wie jemand spricht — nicht nur Dia­lekt oder eine beson­dere Varie­tät — son­dern auch wie er etwas sagt, ermög­licht es dem Gegen­über, den Spre­cher einzuschätzen.

sw: Kön­nen Men­schen diese Fremdwahr­neh­mung auch bewusst steu­ern, indem sie zwi­schen Sprach­sti­len und –ver­hal­ten wäh­len, um bestimmte Iden­ti­tä­ten auszudrücken?

IK: Ja natür­lich. Je mehr Erfah­run­gen Men­schen mit ver­schie­de­nen sozia­len Wel­ten gemacht haben – sprach­lich und kom­mu­ni­ka­tiv fle­xi­bel sind –, desto bes­ser kön­nen sie zwi­schen Varie­tä­ten und Sprech­sti­len wäh­len. Das hat auch viel mit Bil­dung zu tun.

sw: Sie haben in Mann­heim das Sprach­ver­hal­ten einer Mäd­chen­gruppe, der Power­girl unter­sucht. Wie wür­den Sie die Powergirl-Identität charakterisieren?

IK: Das eine Ingroup-, also eine Grup­pen­iden­ti­tät, mit der die Mäd­chen sich einer­seits gegen­über der Mehr­heits­ge­sell­schaft abgren­zen. Als ich sie im Jugend­zen­trum ken­nen­lernte, waren sie zwi­schen 13 und 16 Jahre alt. Sie alle mach­ten die glei­chen Erfah­run­gen der Ableh­nung und des Fremd-seins, als sie die Stadt­teil­schu­len ver­lie­ßen und auf Gym­na­sien außer­halb des Jung­bu­sches wech­sel­ten. Eine beschrieb dies als den „Schock ihres Lebens“. Die Power­girls schlos­sen sich dar­auf­hin zusam­men und setz­ten den Fremd­zu­schrei­bun­gen ein eige­nes Selbst­bild, ihre Powergirl-Gruppenidentität, ent­ge­gen. Ande­rer­seits weh­ren sie sich mit die­ser Grup­pen­iden­ti­tät auch gegen die Ver­ei­nah­mung durch die Migran­ten­ge­sell­schaft. Aus der Migra­ti­ons­for­schung ist bekannt, dass Migran­ten in der Dia­spora nor­me­n­ori­en­tier­ter sind als Ver­wandte aus den Her­kunfts­ge­bie­ten, auch um sich dadurch gegen­über der Mehr­heits­ge­sell­schaft abzu­gren­zen. Von ihren Eltern lern­ten sie, das tür­ki­sche Mäd­chen brav zu sein und sich den Fami­li­en­vor­stel­lun­gen unter­zu­ord­nen hät­ten So grenz­ten sie sich von den tür­ki­schen Mäd­chen im Stadt­teil ab, indem sie sich selbst als stark defi­nier­ten und sich mit recht bru­ta­len Aus­drucks­wei­sen und Beschimp­fungs­for­men an dem Ver­hal­ten der Jungs orientierten.

sw: In Ihren For­schun­gen stell­ten Sie fest, dass die Power­girls über eine breite Wahl­mög­lich­keit ver­schie­de­ner Sprach­stile ver­fü­gen – was nicht zuletzt ihrem geho­be­nen Bil­dungs­ni­veau geschul­det ist. Wie wür­den sich die Power­girls selbst einordnen?

IK: Das kommt auf die Situa­tion an. Damals und auch heute immer noch gibt es Situa­tio­nen, in denen sie ‚tür­kisch’ sind. Und dann gibt es wie­der Situa­tio­nen, in denen sie sich als ‚Deut­sche’ ver­hal­ten. Viele von ihnen arbei­ten im Schul­be­reich, dort sind sie Leh­re­rin­nen. Wenn sie unter sich in der bilin­gua­len Gruppe sind, dann sind sie Deutsch-Türkinnen, dann sind sie Power­girls. Sind sie aber im Sport­ver­ein, dann sind sie Ver­eins­mit­glie­der. Im Mut­ter­ver­ein sind sie junge Müt­ter. In ande­ren Situa­tio­nen bezeich­nen sie sich als Mann­hei­me­rin­nen. Es hängt also ganz davon ab, wo sie sind, was sie dar­stel­len müs­sen und wel­che Ver­pflich­tun­gen und Auf­ga­ben sie da haben, also von der momen­ta­nen Rolle.

sw: Das ist also das situa­tive Moment von Iden­ti­tät. Wen­den die Power­girls je nach Rolle und Ver­pflich­tung unter­schied­li­che kom­mu­ni­ka­tive Stile an?

IK: Ja. Zum Bei­spiel spre­chen sie in der Schule als Leh­re­rin und gegen­über den Schü­lern gepfleg­tes Stan­dard­deutsch. Da sind sie keine Power­girls. In ande­ren Situa­tio­nen, wo die Rolle als Leh­re­rin oder als Mut­ter weni­ger wich­tig ist, kommt das Power­girl auch wie­der mehr durch, dann spre­chen sie ihre „Misch­spra­che“ [Selbst­be­zei­chung der Mäd­chen für eine in der Gruppe ent­wi­ckelte Sprach­form, die deut­sche und tür­ki­sche Ele­mente mischt, Anm. sw].

sw: Sie haben bereits beschrie­ben, wie die Mäd­chen mit Fremd­zu­schrei­bun­gen kon­fron­tiert wur­den, sei es durch die Eltern oder die deut­schen Mit­schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen, und ihr Selbst­bild allein in Abgren­zung zu die­sen entwickelten.

IK: Das war genau das Pro­blem: Nur von Nega­tiv­de­fi­ni­tio­nen allein kann nie­mand leben. Dem muss man etwas ent­ge­gen­set­zen. Die jun­gen Frauen haben dem eine Stärke ent­ge­gen­ge­setzt und sind in die Oppo­si­tion gegan­gen, sie haben sich nicht unter­ge­ord­net. Sie haben das, was ihnen als nega­tiv ent­ge­gen gebracht wurde, posi­tiv umge­wer­tet. Sie haben deut­lich gesagt, dass sie Tür­kin­nen sind, obwohl sie des­halb von Deut­schen abge­lehnt wur­den. Bewusst kom­men sie nicht der For­de­rung nach, sich wie Deut­sche zu ver­hal­ten, nur um aner­kannt zu wer­den. Gleich­zei­tig set­zen sie sich mit der demons­trier­ten Stärke von dem aus ihrer Sicht nega­ti­ven Bild der bra­ven jun­gen Tür­kin ab. [Seite 2]

sw: In ihrem Buch beschrei­ben Sie einen Wan­del, den die jun­gen Frauen durch­lebt haben. Von den Power­girls, die sich vor allem durch Abgren­zung zu ande­ren selbst defi­nie­ren, hin zu eigen­stän­di­gen Selbst­bil­dern. Gab es in die­sem Pro­zess irgend­wel­che Vorbilder?

IK: Nein, es gab keine Vor­bil­der. Sie haben schlicht und ein­fach gesagt: „Wir sind nicht wie die Deut­schen, wir sind nicht wie die Tür­ken in der Tür­kei. Wir sind was Neues, was ganz Ande­res“. Bis­lang haben sie kei­nen fes­ten Namen für ihre Iden­ti­tät, jede defi­niert das für sich. Man kann in die­sem Zusam­men­hang von der oft beton­ten hybriden Iden­ti­tät sprechen.

sw: Hier wird das Defi­zit der Spra­che deut­lich, die nicht in der Lage ist, diese hybri­den Iden­ti­tä­ten zu benennen.

IK: Es ist v.a. die mono­lin­guale Spra­che, die hier zurück liegt. Die bilin­guale oder tri­lin­guale „Spra­che“ ist es nicht, die ist ja eben eine Mischung, eine hybride Spra­che. Diese Misch­spra­che ist nicht will­kür­lich, son­dern die Mischun­gen sind systematisch.

sw: Neben Stan­dard­deutsch und Misch­spra­che beherr­schen die Mäd­chen aber auch noch Mann­hei­mer Mund­art, (dia­spo­ri­sches) Tür­kisch und das soge­nannte Gast­ar­bei­ter­deutsch. Was genau ist unter Letz­te­rem zu verstehen?

IK: Das sog. „Gast­ar­bei­ter­deutsch“ ist das Deutsch der ers­ten Gene­ra­tion, die Mitte der 1960er Jahre nach dem Anwer­be­ab­kom­men mit der Tür­kei 1961 als Gast­ar­bei­te­rIn­nen nach Deutsch­land kamen und hier kei­nen Deutsch­un­ter­richt erhiel­ten. Am Arbeits­platz fan­den sie sich abge­se­hen von deut­schen Vor­ge­setz­ten vor allem unter ande­ren Gast­ar­bei­te­rIn­nen wie­der. Das dort gespro­chene Deutsch war ihr ein­zi­ger Input. Aus der Sprach­kon­takt­for­schung weiß man, dass Ein­hei­mi­sche, reden sie mit Anders­spra­chi­gen, ihre Spra­che oft ver­ein­fa­chen und den soge­nann­ten For­eig­ner Talk ver­wen­den: „Du, Ali, her­kom­men!“. Unter­ein­an­der, mit Spa­nie­rIn­nen, Tür­kIn­nen, Ita­lie­ne­rIn­nen etc, war die­ses redu­zierte Deutsch die Ver­kehrs­spra­che. Da die meis­ten auch in ihren Unter­künf­ten kaum Kon­takt zu Deut­schen hat­ten, hat sich die­ses sehr redu­zierte Gast­ar­bei­ter­deutsch, in dem es kaum Tem­pora und kaum Fle­xi­ons­for­men gibt, über Jahr­zehnte gehal­ten. Natür­lich haben die­je­ni­gen, die z.B. mit Deut­schen ver­hei­ra­tet sind, ein ande­res Deutsch erwor­ben. Aber bei denen, die unter den oben genann­ten Bedin­gun­gen gelebt und gear­bei­tet haben, hat sich das sog. „Gast­ar­bei­ter­deutsch“ stabilisiert.

sw: Könnte man dies dann als Eth­no­lekt bezeichnen?

IK: Eher als Mul­ti­eth­no­lekt, da es nicht auf eine bestimmte Eth­nie beschränkt ist. Es ent­hält auch keine Mischun­gen, son­dern basiert auf einem stark redu­zier­ten Umgangs­deutsch, ohne Fle­xi­ons­for­men. Die­ses „Gast­ar­bei­ter­de­tusch“ ist zu unter­schei­den von dem Mul­ti­eth­no­lekt, den Jugend­li­che der 2. und 3. Gene­ra­tion in den Klas­sen­ge­mein­schaf­ten und in den Jugend­zen­tren ver­wen­den [auch „Kiez­deutsch“, Anm. sw]. Die­ser Mul­ti­eth­no­lekt basiert auf regio­na­len Deutsch­va­rie­tä­ten, ist also ein weit aus­ge­bau­tes Deutsch, hat aber einige Beson­der­hei­ten. Z.B. fal­len Prä­po­si­tio­nen in Lokal– und Rich­tungs­an­ga­ben weg, z.B. ich will mit dir Kino gehen oder ich war eine Woche Krankenhaus.

sw: Neh­men deut­sche Jugend­li­che diese Spra­che auf?

IK: Ja, grade hier im Jung­busch. Es gibt es immer auch ein paar Deut­sche in den Klas­sen, in denen der Mul­ti­eth­no­lekt gespro­chen wird. Da bekla­gen dann die Lehr­kräfte, dass auch die deut­schen Kin­der kein Deutsch könnten.

sw: Hebt der Mul­ti­eth­no­lekt so die Dif­fe­renz zwi­schen den Jugend­li­chen auf?

IK: Ja, in bestimm­ten Situa­tio­nen, ja, z.B. wenn sich die Kin­der und Jugend­li­chen mit ihrer mul­ti­eth­ni­schen Gruppe oder Klasse iden­ti­fi­zie­ren. Ein deut­scher Schü­ler wurde ein­mal gefragt, was für ein Deutsch er spricht. „Ghet­tos­lang“, war die Ant­wort; so wür­den sie immer reden. Er weiß also genau, dass es sich hier­bei um eine eigene Varie­tät han­delt. Die Power­girls beherr­schen die­sen „Ghet­tos­lang“ natür­lich auch, sie sind ja dort auf­ge­wach­sen. Aber sie dis­tan­zie­ren sich inzwi­schen expli­zit davon. Für sie ist es die Aus­drucks­weise der „Assis“ und „Machos“, und sie spre­chen die­sen Mul­ti­eth­no­lekt nur, um diese Grup­pen zu kari­kie­ren. Frü­here Auf­nah­men von mir aus ihrer Zeit auf der Haupt– und Real­schule zei­gen jedoch, dass sie damals selbst die­sen Mul­ti­eth­no­lekt spra­chen. Je wei­ter sie schu­lisch vor­an­ka­men und in Schu­len außer­halb des Jung­bu­sches die Außen­per­spek­tive auf ihren Stadt­teil erfah­ren haben, desto mehr haben sie sich von dem Mul­ti­eth­no­lekt distanziert.

sw: schwarz­weiss zeigte im letz­ten Jahr den Film Trans­na­tio­nal­m­an­schaft des Mann­hei­mer Regis­seurs Phil­lip Kohl. Der Film geht der Frage nach Hei­mat und Zuge­hö­rig­keit in der mul­ti­kul­tu­rel­len Bevöl­ke­rung im Jung­busch nach. Dabei wird die Sprach­lo­sig­keit der Bewoh­ne­rIn­nen deut­lich, denen die Worte zu feh­len schei­nen, ihre eigene hybride Iden­ti­tät zu benen­nen. Nun gibt es ja durch­aus Wort­neu­schöp­fun­gen, wie z.b. „deu­ki­sche Gene­ra­tion“. Konn­ten sie so etwas auch beobachten?

IK: Nein, so etwas habe ich bis­her noch nicht gefun­den. Es scheint den Power­girls aber auch nicht wich­tig. Sie defi­nie­ren sich eher über andere Begriff­lich­kei­ten und weni­ger über die Eth­nie. Die Eth­nie ist ja oft auch unwich­tig. Die eth­ni­sche Zuschrei­bung kommt vor allem von den Deut­schen; dage­gen weh­ren sie sich und ver­wei­gern eine Erklärung.

sw: Eine sol­che Ver­wei­ge­rung stelle ich mir schwie­rig vor. Es ist ja eine Form des Nicht­zu­rück­spre­chens, wenn man auf diese Fremd­be­zeich­nun­gen nicht ein­geht und nicht auf sie reagiert.

IK: Eine sol­che Erfah­rung machte vor eini­ger Zeit ein SWR-Reporter, der bei einer ent­spre­chen­den Jun­gen­gruppe im Jung­busch war und diese mit der übli­chen Frage kon­fron­tierte, als was sie sich denn selbst bezeich­nen wür­den, als deutsch oder tür­kisch. Der inter­viewte Junge bekam einen hoch roten Kopf und erwi­derte, dass grade eine sol­che Frage ihm signa­li­sie­ren würde, dass er nicht dazu­ge­höre. Kein Deut­scher würde so etwas je gefragt wer­den. Grade für Kin­der ist es eine trau­ma­ti­sche Erfah­rung, wenn sie schon im Kin­der­gar­ten als „Tür­ken“ behan­delt und gefragt wer­den, wie es denn in der Tür­kei sei. Das ist für ein Kind, das in Deutsch­land aus­wuchs, eine völ­lig absurde Frage, und sie ist beschä­mend für die Kin­der, da sie sie nicht beant­wor­ten kön­nen. Als junge Erwach­sene wol­len sie damit nichts mehr zu tun haben, diese Fra­gen wer­den abge­lehnt. Einige wer­den wütend, andere rea­gie­ren ein­fach nicht. Mit der Zeit müs­sen sie ler­nen, sou­ve­rän damit umzugehen.

Corinna Ass­mann und Frie­de­rike Faust, April 2012