whitecharity.publikum

Jah­res­be­richt 2012

Rückblick

Liebe Freund_innen und Interessierte,

letz­tes Jahr noch ein Novum, die­ses Jahr schon unver­zicht­bare Tra­di­tion, kommt hier unser Jah­res­be­richt, der Euch einen Ein­blick in unsere Akti­vi­tä­ten im letz­ten Jahr geben soll. Als überg­rei­fen­des Thema hat­ten wir uns 2012 „Iden­ti­tä­ten” vor­ge­nom­men, dem wir uns mit Tex­ten und ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tungs­for­ma­ten genä­hert haben. Dabei haben wir auch wie­der vie­les Neue ausprobiert.

Podiumsdiskussion "Ich wohne also bin ich"

Podi­ums­dis­kus­sion „Ich wohne also bin ich“

So gleich zu Beginn des Jah­res mit einer Podi­ums­dis­kus­sion am 7. Februar, die wir in Zusam­men­ar­beit mit dem Ausländer-/Migrationsrat in der Biblio­thek des DAI ver­an­stal­tet haben. Hier dis­ku­tier­ten unter dem Titel „Ich wohne also bin ich“ Ver­tre­te­rIn­nen aus Wis­sen­schaft und Stadt­ver­wal­tung unter der Mode­ra­tion von Jagoda Mari­nic über die Aus­wir­kun­gen von Wohn­um­feld, Lage, Anbin­dung eines Stadt­teils auf soziale Inte­gra­tion und gesell­schaft­li­che Teil­habe. Beson­ders die Frage, wie räumlich-sozial mar­gi­na­li­sierte Bewohner_innen aktiv in städ­te­pla­ne­ri­sche Ent­schei­dun­gen ein­be­zo­gen wer­den kön­nen, sorgte für viel Gesprächs­stoff und ange­regte Diskussionen.

Am 23.März zeig­ten wir in Zusam­men­ar­beit mit den Hei­del­berg Alumni Inter­na­tio­nal im Karls­tor­kino den Doku­men­tar­film “The Ecua­tion of Auma Obama” und knüpf­ten so zunächst an eine Heidelberg-spezifische Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema Iden­ti­tä­ten an. Denn ein wich­ti­ger Abschnitt der per­sön­li­chen und poli­ti­schen Ent­wick­lung Auma Oba­mas fand in Hei­del­berg statt, wo sie in den 1980er Jah­ren inter­kul­tu­relle Ger­ma­nis­tik und Sozio­lo­gie stu­dierte. Hier beschäf­tigte sie sich inten­siv mit ihren afri­ka­ni­schen Wur­zeln und ent­schied, ihren eng­li­schen Vor­na­men „Rita“ abzu­le­gen und statt­des­sen ihren Geburts­na­men „Auma“ zu tra­gen. Auch fand sie in die­ser Zeit zu ihrem gesell­schafts­po­li­ti­schen Enga­ge­ment, und setzte sich als Jour­na­lis­tin und Gast in Talk­shows sehr kri­tisch mit den Wahr­neh­mungs– und Hand­lungs­mus­tern aus­ein­an­der, die die euro­päi­sche Ent­wick­lungs­po­li­tik bestimmen.

schwarzweiss im Gespräch mit Timo KieselDas Thema Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit hat uns den Som­mer über in ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen beglei­tet. Unser Fokus lag dabei vor allem auf der (Bild-)Sprache, anhand derer in Spen­den­auf­ru­fen Schwarze und Weiße Iden­ti­tä­ten kon­stru­iert wer­den. Durch die Kon­ti­nui­tät ras­sis­ti­scher und kolo­nia­ler Denk­mus­ter wer­den his­to­ri­sche und gegen­wär­tige Ungleich­heits­ver­hält­nisse repro­du­ziert anstatt bekämpft. Schön zeigt dies der Film „White Cha­rity – Schwarz­sein und Weiß­sein auf Spen­den­pla­ka­ten“, den wir am 14. Juni im Rah­men des von der FSK orga­ni­sier­ten fes­ti­val contre le racisme im Völ­ker­kun­de­mu­seum vor­führ­ten, mit anschlie­ßen­dem Publi­kums­ge­spräch mit Regis­seur Timo Kie­sel. Zu dem­sel­ben Thema hat­ten wir vor­her eben­falls als Teil des Fes­ti­vals den Work­shop „Schwar­zes Leid und Weiße Hilfe: Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und die Bil­der in unse­ren Köp­fen“ angeboten.

Benefiz-Schauspieler_innen und schwarzweissDer Ver­an­stal­tungs­hö­he­punkt zu die­sem The­men­be­reich und des Jah­res über­haupt war am 7. Juli die Auf­füh­rung des Thea­ter­stücks „Bene­fiz – Jeder ret­tet einen Afri­ka­ner“ vom Lan­des­thea­ter Tübin­gen, das wir für das Gast­spiel in den aus­ver­kauf­ten Zwin­ger nach Hei­del­berg geholt haben. Das sati­ri­sche Stück von Ingrid Lau­sund zeigt anhand der Pro­ben für einen Benefiz-Abend, bei dem Geld für ein Schul­pro­jekt in Guinea-Bissau gesam­melt wer­den soll, das kli­schee­be­la­dene Afri­ka­bild, das in sol­chem Rah­men häu­fig evo­ziert wird: ein Ein­heits­brei aus poli­ti­cal cor­rect­ness, Welt­ver­bes­se­rung, Insze­nie­rung von Leid und roman­ti­sier­ter Vor­stel­lun­gen von Natur­nähe. Dabei geht es im Stück aber auch um Fra­gen nach glo­ba­ler Ungleich­heit, Schuld und Ver­ant­wor­tung, mit denen jede_r Zuschauer_in am Ende selbst kon­fron­tiert wird, als die Gren­zen zwi­schen fik­ti­vem Büh­nen­raum und Rea­li­tät ver­schwim­men. Ein Stück, das zum Den­ken anregt – wie in der sehr leb­haf­ten Publi­kums­dis­kus­sion deut­lich wurde, für die Regis­seur und Schauspieler_innen nach der Auf­füh­rung noch Rede und Ant­wort standen.

Erfindung der UnterentwicklungAm 26. Sep­tem­ber konn­ten wir unsere über das Jahr ange­sam­melte Exper­tise auf die­sem Gebiet noch ein­mal zum Bes­ten geben, in einem Vor­trag im Rah­men der Input-Reihe zum Thema „Von der Erfin­dung der Unter­ent­wick­lung – die pro­ble­ma­ti­sche (Bild-)Sprache der ‚Ent­wick­lungs­hilfe’“, bevor wir das Thema mit einem Arti­kel über „Ent­wick­lungs­ex­per­ten, Empower­ment, Nach­hal­tig­keit und Par­ti­zi­pa­tion: Ein Blick auf die all­täg­li­che Spra­che der pro­fes­sio­nel­len Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit“ für die­ses Jahr abschlie­ßen konnten.

Andere Facet­ten unse­res Jah­res­the­mas leuch­te­ten wir in Tex­ten aus, so bei­spiels­weise die Frage nach Spra­che und (migran­ti­scher) Iden­ti­tät im Inter­view (unse­rem ers­ten!) mit der Mann­hei­mer Pro­fes­so­rin Inken Keim. Gast­au­tor Mar­cus Podew­ski nahm die EU-Identität, wie sie in dem offi­zi­el­len Wer­be­clip „Gro­wing Toge­ther“ kon­stru­iert wird, für uns unter die Lupe und arbei­tete her­aus, wie hier ein ras­sis­ti­sches Bild ent­wor­fen wird, das mit der Rea­li­tät Euro­pas nichts zu tun hat. Einen text­li­chen Schwer­punkt bil­dete das Thema Gen­der, das nun end­lich auch als Begriffs­ar­ti­kel den längst fäl­li­gen Ein­trag in unse­rem Lexi­kon erhal­ten hat. Dar­über hin­aus konn­ten wir uns über drei Arti­kel zu Sexis­mus – im Han­deln, in der Wer­bung und im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch – unse­rer Gast­au­to­rin­nen Nina Marie Bust-Bartels und Jas­min Tran freuen. Unser letz­ter Lexi­kon­ar­ti­kel gibt eine kurze Ein­füh­rung, wie Iden­ti­tä­ten – und nicht nur die – durch Spra­che und Taten erst her­ge­stellt wer­den: durch den Dis­kurs.

VorleseabendZum Jah­res­ab­schluss grif­fen wir im Dezem­ber noch ein­mal unser Jah­res­thema „Iden­ti­tä­ten“ auf mit einer klei­nen Ver­an­stal­tungs­reihe, die wir mit der Film­vor­füh­rung des Musi­cals „Leave It on the Floor“ im Roma­ni­schen Kel­ler began­nen, ein Aus­flug in die queere, größ­ten­teils schwarze Ball­room Szene von Los Ange­les. Hier dient der Lauf­steg bei so genann­ten Ball­room Wett­be­wer­ben zur schril­len Bühne für die Insze­nie­rung der eige­nen und dem Spiel mit fremden Iden­ti­tä­ten. Bei einem Lese­abend, eben­falls im Roma­ni­schen Kel­ler, brach­ten wir und die Besucher_innen der Ver­an­stal­tung Texte aller Art rund um das Thema Iden­ti­tä­ten mit, die in stim­mungs­vol­ler Atmo­sphäre mit Ker­zen­licht bis spät in die Nacht lasen und ange­regt dis­ku­tier­ten. Zum Abschluss unse­res „Advents­ka­len­ders“ wurde im klei­nen Kreis bei einem Rund­gang über den Weih­nachts­markt in den Blick genom­men, aus wel­chen Bild­ele­men­ten und Mit­teln der Insze­nie­rung sich das als „roman­tisch“ und typisch weih­nacht­lich wahr­ge­nom­mene Ambi­ente zusammensetzt.

Wir haben uns sehr gefreut, im letz­ten Jahr neue För­de­rer und Koope­ra­tio­nen gewon­nen haben zu kön­nen. So war die Zusam­men­ar­beit mit dem Ausländer-/Migra­tionsrat der Stadt Hei­del­berg wei­ter­hin sehr frucht­bar und es ste­hen auch im neuen Jahr wie­der gemein­same Pro­jekte an. Auch die Zusam­men­ar­beit mit dem Stadt­thea­ter Hei­del­berg möch­ten wir gerne in Zukunft wei­ter aus­bauen. Bleibt uns noch der Stu­die­ren­den­zei­tung un!mut für die lang­jäh­rige und erfolg­rei­che Zusam­men­ar­beit zu danken.

Wir freuen uns dar­auf, 2013 den Aus­tausch mit Euch in vie­len span­nen­den Gesprä­chen, Dis­kus­sio­nen, Ver­an­stal­tun­gen, oder auch auf unse­rer Facebook-Seite fort­zu­set­zen. Die­ses Jahr geht es um „Gemachte Wel­ten“ – Wir wol­len uns fra­gen was ein Land zur Kolo­nie, Hei­del­berg zur Welt­stadt und die Welt in unse­ren Köp­fen rund gemacht hat.

Mit den bes­ten Wün­schen zum neuen Jahr,

Euer schwarz­weiss e.V.