Ent­wick­lung

Ent|w‘ick|lung, die; -, –en [ent­lehnt von lat. evo­lu­tio (Aus­wi­ckeln von Schrift­rol­len)]: 1. a Ent­fal­tung, Her­aus­bil­dung, b Erfin­dung, Krea­tion, Pla­nung 2. Fort­ent­wick­lung, Wei­ter­ent­wick­lung, Wachs­tum; im 17. Jhd. auf Deutsch gebildet.

In der Foto­gra­fie bezeich­net Ent­wick­lung einen che­mi­schen Pro­zess, durch den das Bild als Foto zur Voll­en­dung kommt. Das Ergeb­nis, die Kon­tu­ren und Farb­ver­tei­lun­gen, sind bereits auf dem Nega­tiv ent­hal­ten und ent­fal­ten sich durch den Ent­wick­lungs­vor­gang. In „Ent­wick­lungs­ab­tei­lun­gen“ beschäf­ti­gen Unter­neh­men bei­spiels­weise Inge­nieure, deren Auf­gabe es ist, (tech­ni­sche) Neue­run­gen zu erschaf­fen.
 Diese bei­den Bei­spiele zei­gen bereits zwei unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen von Ent­wick­lung in der All­tags­spra­che auf. Dem­nach bezeich­net dies einer­seits einen Pro­zess, bei dem schon vor­han­dene Eigen­schaf­ten ent­fal­tet wer­den, oder aber einen krea­ti­ven Vor­gang, bei dem der Aus­gang nicht vor­her­seh­bar ist. Bei­den ist gemein, dass etwas Neues ent­steht.
 In wei­te­ren Berei­chen erge­ben sich andere Bedeu­tun­gen.
 In der Psy­cho­lo­gie gibt es den Teil­be­reich der „Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie“. Diese beschäf­tigt sich mit der Rei­fung des Men­schen vom Säug­ling bis zum Erwach­se­nen. Dabei wird ein fort­schrei­ten­der Pro­zess beschrie­ben, des­sen „nor­ma­ler“ Ver­lauf vor­her­be­stimmt ist. Durch das Defi­nie­ren von bestimm­ten auf­ein­an­der fol­gen­den „Ent­wick­lungs­stu­fen“ wer­den Indi­vi­duen in ihrem Rei­fungs­pro­zess mit­ein­an­der ver­gli­chen. Dadurch kön­nen so genannte Ent­wick­lungs­stö­run­gen bei Kin­dern früh­zei­tig dia­gnos­ti­ziert und the­ra­piert wer­den.
 Die Idee einer indi­vi­du­el­len Ent­wick­lung ist aber keine, wel­che die Psy­cho­lo­gie her­vor­brachte. Seit der Auf­klä­rung wurde in Europa Ent­wick­lung zuneh­mend als mensch­li­cher Fort­schritt ver­stan­den, der dem Ein­zel­nen helfe, sich aus Unmün­dig­keit und unre­flek­tier­ten Tra­di­tio­nen zu befreien. Die Anla­gen hier­für lägen im Men­schen selbst. Aus der Vor­stel­lung, mensch­li­che Ent­wick­lung sei für alle Men­schen glei­cher­ma­ßen mög­lich, ent­stand ein mis­sio­na­ri­scher Eifer.

Auch die „Unzi­vi­li­sier­ten“ außer­halb Euro­pas soll­ten aus der ihnen unter­stell­ten Unter­ent­wick­lung geret­tet wer­den. Dies wurde teil­weise als mora­li­sche Ver­pflich­tung ange­se­hen, gar als die „Bürde des wei­ßen Man­nes“, wel­cher die Ver­ant­wor­tung trage, die „unzi­vi­li­sier­ten“ Völ­ker von ihrer „Bar­ba­rei“ zu erlö­sen. Dies sollte durch Kolo­ni­sie­rung und Mis­sio­nie­rung erreicht wer­den. Inwie­fern es aber bei­spiels­weise der Ent­wick­lung eines Kame­ru­ners diente, Unter­richts­stun­den zu den Taten Karls des Gro­ßen zu erhal­ten oder beige­bracht zu bekom­men wie oft man sich am Tage die Hände zu waschen habe, sei dahin­ge­stellt. Das Argu­ment des Zivi­li­sie­rungs­auf­trags wurde seit dem 19. Jahr­hun­dert häu­fig auch dazu ver­wen­det, mate­ri­elle Inter­es­sen wie die poli­ti­sche Beherr­schung und wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung außer­eu­ro­päi­scher Gesell­schaf­ten, zu legi­ti­mie­ren. Damit ein­her ging häu­fig die ras­sis­ti­sche Vor­stel­lung, dass sich man­che Men­schen auf­grund ande­rer bio­lo­gi­scher Merk­male, z.B. der Haut­farbe oder des Geschlechts, nur ein­ge­schränkt ent­wi­ckeln könnten.

Seit der Mitte des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und der zu die­ser Zeit ein­set­zen­den Deko­lo­ni­sie­rung wurde der Ent­wick­lungs­be­griff zuneh­mend ver­wen­det, um die Unter­schiede zwi­schen nörd­li­chen und süd­li­chen, vor­mals kolo­ni­sier­ten Län­dern auszudrücken.
Dabei gel­ten die euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten als ent­wi­ckelt, wohin­ge­gen der Rest der Welt, vor­nehm­lich die süd­li­che Hemi­sphäre, als unter­ent­wi­ckelt ein­ge­stuft wird. Lange Zeit galt als wesent­li­cher Fak­tor bei der Mes­sung die Wirt­schafts­kraft eines Lan­des. Um eine mensch­li­che und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung mes­sen zu kön­nen, genügte also ein Blick auf das Brut­to­in­lands­pro­dukt. Gesell­schaft­li­che, poli­ti­sche und kul­tu­relle Struk­tu­ren, Pro­zesse und Dyna­mi­ken wur­den bei der Unter­tei­lung in Indus­trie– und Ent­wick­lungs­län­der nicht beach­tet. Neben der mono­kau­sa­len Bewer­tung der Län­der ist ein wei­te­res Pro­blem die­ser Ter­mi­no­lo­gie und Betrach­tungs­weise die Annahme, dass die Staa­ten der „west­li­chen Hemi­sphäre“ ihre Ent­wick­lung abge­schlos­sen hät­ten. Das dem Begriff der Ent­wick­lung Eigen­tüm­li­che, das Neue, gilt somit nur noch für einen Teil der Welt. Die Indus­trie­staa­ten haben dem­nach den höchs­ten erreich­ba­ren Sta­tus erreicht. Mitt­ler­weile wird die Ursa­che für die „Unter­ent­wick­lung“ nicht nur in wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren son­dern auch in kul­tu­rel­len oder reli­giö­sen Denk­mus­tern gese­hen, wie zum Bei­spiel die häu­fig auf­tau­chende Frage deut­lich macht, ob der Islam mit der Demo­kra­tie ver­ein­bar sei. Diese Argu­men­ta­tion fin­det sich auch in dem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten „Arab Human Deve­lop­ment Report“ der UNO, nach dem der ara­bi­sche Raum dem Rest der Welt in ihrer Ent­wick­lung nach­stehe und dies unter ande­rem durch reli­giös begrün­dete Tabus erklärt wird.

In die­sem Sinne wird Ent­wick­lung als ein Fort­schritt mit einem fest­ge­setz­ten zu errei­chen­den Ziel defi­niert und den sich zu ent­wi­ckeln­den Staa­ten als rich­ti­ger Weg vor­ge­schrie­ben. Die andere mög­li­che Bedeu­tung des Begriffs, die Ent­fal­tung von eige­nen Fähig­kei­ten und Anla­gen als ergeb­nis­of­fe­ner und krea­ti­ver Pro­zess, wird dabei ausgeblendet.

Phil­mon Ghir­mai und Caro­line Autha­ler
Novem­ber 2010

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