Eth­nie

Eth|nie, die; -, — en: [ent­lehnt aus altgr. eth­nos = 1.Schaar, Hau­fen, Herde 2. Volk, Völ­ker­schaft, Stamm, Men­schen­klasse; ursprgl. Sam­mel­be­griff für seg­men­täre Gesell­schaf­ten, die nicht in einer polis orga­ni­siert waren] Begriff der Eth­no­lo­gie zur Beschrei­bung einer Men­schen­gruppe mit ein­heit­li­cher Kultur.

Der Begriff Eth­nie ist zunächst ein wis­sen­schaft­li­ches Kon­zept. Es bezeich­net Grup­pen, denen ohne eine direkte fami­liäre Ver­bin­dung eine gemein­same Abstam­mung zuge­schrie­ben wird. In der All­tags­spra­che wird „Eth­nie“ oft als poli­tisch kor­rekte Bezeich­nung für ältere und poli­tisch auf­ge­la­dene Kon­zepte wie Stamm, Volk oder Rasse ver­wen­det. Dabei wird ange­nom­men, dass Men­schen ursprüng­lich und natür­li­cher­weise einer bestimm­ten Gruppe ange­hö­ren. Dem­ge­gen­über geht die neuere Idee des Begrif­fes „Eth­nie“ davon aus, dass Grup­pen erst in der sozia­len Inter­ak­tion ent­ste­hen. Diese Grup­pen­kon­struk­tion basiere auf der sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung von Zuge­hö­rig­kei­ten, die an Kern­merk­ma­len sprach­li­cher, kul­tu­rel­ler, reli­giö­ser, poli­ti­scher, geo­gra­phi­scher oder phy­si­scher Natur fest­ge­macht wer­den. Aus der unüber­seh­ba­ren Fülle von mög­li­chen Unter­schei­dungs­merk­ma­len wer­den bestimmte beson­ders oder über– betont, andere hin­ge­gen nicht beach­tet oder ver­leug­net. Diese aus­ge­wähl­ten Merk­male wer­den als Begrün­dung für eine gemein­same Abstam­mung der· ein­zel­nen Grup­pen­mit­glie­der herangezogen.

Die eth­ni­sche Iden­ti­tät bil­det nur eine unter vie­len mög­li­chen· Grup­pen­zu­ge­hö­rig­kei­ten eines Indi­vi­du­ums, die sich auch über Kate­go­rien wie Alter und soziale Klasse defi­nie­ren kön­nen.
Das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl einer Gruppe wird immer in Abgren­zung gegen­über ande­ren Grup­pen kon­stru­iert. Diese „Ande­ren“ wer­den als Gruppe durch Fremdzuschrei­bung bestimm­ter Merk­male oft erst geschaf­fen. Dabei ist nicht ent­schei­dend, ob sich die ver­meint­li­chen Mit­glie­der der ande­ren Gruppe zusam­men­ge­hö­rig füh­len. Den­noch kön­nen sie die ihnen zuge­schrie­bene eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit nicht selb­stän­dig able­gen. Ob die Zuge­hö­rig­keit zu einer eth­ni­schen Gruppe betont wird, hängt von den poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ab. Gerade weil die mög­li­chen Unter­schei­dungs­merk­male so viel­fäl­tig sind, kön­nen sich Grup­pen­gren­zen aber auch ver­än­dern oder auflösen.

Eth­nien in Industrienländer?

Die Ein­tei­lung von Men­schen in Eth­nien wird mit­un­ter zum ent­schei­den­den Kri­te­rium bei der Zutei­lung von Res­sour­cen wie Nah­rungs­mit­teln, Was­ser oder staat­li­chen Sub­ven­tio­nen für Stra­ßen­bau usw. Dies birgt ein Kon­flikt­po­ten­tial, beson­ders weil das Kon­zept der Eth­nie unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen zur Mobi­li­sie­rung von Mas­sen – bis hin zum Völ­ker­mord – genutzt wer­den kann.

Die Idee des moder­nen Natio­nal­staa­tes geht von einem ein­heit­li­chen Staats­volk aus. Das bedeu­tet, dass sich das Kon­zept der eth­ni­schen Iden­ti­tät weit­ge­hend mit der natio­na­len Zuge­hö­rig­keit decken sollte. Eth­ni­sche Zuschrei­bun­gen dau­ern dann höchs­tens in unpo­li­ti­schen folk­lo­ris­ti­schen Tra­di­tio­nen fort.

Dies erklärt, warum im öffent­li­chen Dis­kurs Eth­nien meist nur in Ent­wick­lungslän­dern ver­or­tet wer­den; bei den Indus­trie­län­dern spricht man dage­gen von natio­na­len Iden­ti­tä­ten. Beim Ver­gleich zwi­schen Wikipedia-Artikeln über afri­ka­ni­sche bzw. euro­päi­sche Staa­ten ist bei­spiels­weise auf­fäl­lig, dass in den Arti­keln über afri­ka­ni­sche Staa­ten die Bevöl­ke­run­gen in Eth­nien unter­teilt wer­den, wäh­rend bei den euro­päi­schen Staa­ten eth­no­gra­phi­sche Anga­ben meist fehlen.

Ent­ge­gen dem anfangs beschrie­be­nen wis­sen­schaft­li­chen Kon­zept von „Eth­nie“, das nicht von bio­lo­gi­schen, gleich­sam natür­li­chen Grup­pen­zu­ge­hö­rig­kei­ten aus­geht, schei­nen dem Aus­druck Eth­nie in der All­tags­spra­che Vor­stel­lun­gen von vor­mo­der­nen Stäm­men oder pri­mi­ti­ven Ras­sen anzu­hän­gen. Eth­nien wer­den als Vor­stufe des Natio­nal­staa­tes begrif­fen, die auf dem Weg der Moder­ni­sie­rung über­wun­den wur­den oder noch über­wun­den wer­den müssen.

 

Jan Die­bold und Caro­line Autha­ler
Novem­ber 2010

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