Gen­der

Gen|der [’dʒendə; engl., von lat. gener-, genus »Geschlecht«] das, –s, Bezeich­nung für Geschlecht als soziale Kate­go­rie; im Engl. in die­ser Bedeu­tung abge­lei­tet von dem Begriff für gram­ma­ti­sches Geschlecht (auch »genus«) in Oppo­si­tion zur bio­lo­gi­schen Geschlechts­ka­te­go­rie (»sex«).

Der Begriff Gen­der beruht auf der pos­tu­lier­ten Tren­nung von bio­lo­gi­scher und sozial kon­stru­ier­ter Geschlechts­iden­ti­tät, also von Natur und Kul­tur. Seit den spä­ten 1960er Jah­ren wird er in die­ser Bedeu­tung ver­wen­det, um auf die der Gesell­schafts­ord­nung zugrunde lie­gende Dicho­to­mie von Mann und Frau auf­merk­sam zu machen. Die­ses Zwei-Geschlechter-Modell ist eine wirk­mäch­tige soziale Kon­struk­tion, die Hier­ar­chien und Macht­struk­tu­ren her­stellt und sta­bi­li­siert, durch die der Zugang zu Res­sour­cen an einen ver­meint­li­chen bio­lo­gi­schen Unter­schied gekop­pelt wird. Benach­tei­ligt sind dabei in der Regel Frauen und jene Men­schen, die sich die­sem Dua­lis­mus ent­zie­hen wie zum Bei­spiel Trans­se­xu­elle. In die­ser Zeit eta­blierte sich gen­der, zusam­men mit class und race, als zen­trale Ana­ly­se­ka­te­go­rie inner­halb der Cul­tu­ral Studies.

Simone de Beau­voirs viel zitier­ter Satz: „On ne naît pas femme, on le devi­ent“ (man wird nicht als Frau gebo­ren, son­dern dazu gemacht; in Le Deu­xième Sexe, 1949) bringt die soziale Zuschrei­bung von Geschlecht pla­ka­tiv auf den Punkt: Die ver­meint­li­chen Wesens­un­ter­schiede zwi­schen den Geschlech­tern – Mann und Frau – sind nicht bio­lo­gisch deter­mi­niert son­dern soziale Kon­ven­tio­nen, die durch ste­tige Wie­der­ho­lun­gen so selbst­ver­ständ­lich und ‚natür­lich‘ erschei­nen, dass sie dem Bereich der Bio­lo­gie und nicht dem der Kul­tur zuge­schrie­ben werden.

Die seit den 1980er Jah­ren in den USA und in Europa eta­blier­ten Gen­der Stu­dies gehen davon aus, dass alle kul­tu­rel­len Aus­drucks­for­men (von Kul­tur­pro­duk­ten bis zu Hand­lungs­wei­sen und Riten) grund­le­gend durch die herr­schende Geschlech­ter­ord­nung codiert sind. Ein weit ver­brei­te­ter Ansatz ist dabei die Frage nach dem Wan­del der Geschlech­ter­ord­nun­gen in his­to­ri­scher Per­spek­tive. Mit den Gen­der Stu­dies setzte sich der Aus­druck ‚sex‘ durch, um das ‚bio­lo­gi­sche Geschlecht‘, also kör­per­li­che Merk­male wie die pri­mä­ren Geschlechts­or­gane, vom ‚sozia­len Geschlecht‘ abzu­gren­zen. Diese Unter­schei­dung in ‚sex‘ und ‚gen­der‘ ist mitt­ler­weile all­ge­mein akzep­tiert und die Fol­gen der sozio­kul­tu­rel­len Kon­struk­tion von Geschlecht­lich­keit wur­den und wer­den breit dis­ku­tiert. Unschwer zu erken­nen ist dabei, dass das Kon­zept ‚sex‘ letzt­lich doch wie­der auf ein bio­lo­gi­sches, essen­tia­lis­ti­sches und unver­än­der­ba­res Geschlecht ver­weist, wäh­rend ‚gen­der‘ als kul­tu­rell ver­än­der­bare Hülle gedacht wird. Die Gren­zen zwi­schen sozia­lem und bio­lo­gi­schem Geschlecht kön­nen damit schnell zu einer Frage der Aus­le­gung und damit der Deu­tungs­macht wer­den. Hinzu kom­men die (Nach-)Wirkungen einer phi­lo­so­phie­ge­schicht­li­chen Tra­di­tion, die fest in den Struk­tu­ren zweier ‚natür­li­cher‘, sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen­der Kate­go­rien ver­an­kert ist und den Mann zur Krone der Schöp­fung sti­li­siert hat. Diese erschwe­ren das Den­ken und Han­deln jen­seits der bei­den Kate­go­rien ebenso wie ver­in­ner­lichte all­täg­li­che Kli­schees und Stereotype.

Seit den 1990er Jah­ren wurde die Unter­schei­dung in ‚sex‘ und ‚gen­der‘ mit Ein­füh­rung der Queer Stu­dies zuneh­mend kon­tro­vers dis­ku­tiert. Judith But­ler, eine der der­zeit ein­fluss­reichs­ten Gender/Queer-Theoretiker_innen, führt in ihrem weg­wei­sen­den Buch Gen­der Trou­ble den sozia­len Ritus an, der nach jeder Geburt statt­fin­det, wenn Geburtshelfer_innen dem neu­ge­bo­re­nen Kind mit dem Aus­ruf „Es ist ein Mädchen/Junge!“ eine Gender-Identität mit­tels eines Sprech­ak­tes zuschrei­ben, die auf der Iden­ti­fi­ka­tion der pri­mä­ren Geschlechts­or­gane beruht. Das bio­lo­gi­sche Geschlecht, das hier­bei ‚fest­ge­stellt‘ wird, ist laut But­ler eben­falls das Ergeb­nis gesell­schaft­li­cher Kate­go­ri­sie­rung, die nur zwei Optio­nen für die Kon­struk­tion von Geschlecht­lich­keit bereit­hält. Diese Zwei­tei­lung ist nicht ‚natür­lich‘, son­dern selbst Ergeb­nis und Aus­druck sozio­kul­tu­rel­ler Norm­vor­stel­lun­gen. Damit ist auch die bio­lo­gi­sche Geschlechts­ka­te­go­rie, also ‚sex‘, sozial kon­stru­iert. Judith But­ler spricht in die­sem Zusam­men­hang von ‚per­for­ma­ti­ver Geschlechts­iden­ti­tät‘ – Geschlech­ter­rol­len wer­den immer wie­der nach­ge­ahmt und ein­ge­übt, bis sie schließ­lich ‚natür­lich‘ schei­nen. Das gilt auch für das sexu­elle Begeh­ren, das schein­bar ‚pas­send‘ als nor­ma­tiv hete­ro­se­xu­ell gedacht wird.

Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass alle sprach­li­chen Beschrei­bun­gen von Kör­pern und ihrer Mate­ria­li­tät von der Wirk­lich­keit los­ge­löst und damit belie­big sind. Doch wie Kör­per beschrie­ben und kate­go­ri­siert wer­den, wel­che Ideen mit Begrif­fen und Kon­zep­ten impli­zit ver­bun­den wer­den, ist Teil sozia­ler Aus­hand­lungs­pro­zesse, die von Fra­gen der Macht nicht zu tren­nen sind. Da die Wirk­lich­keit – etwa der Kör­per – nie­mals ohne Spra­che und inner­halb von Dis­kursen beschrie­ben wer­den kann, kön­nen wir ein ‚natür­li­ches‘, vor­kul­tu­rel­les Geschlecht nicht erfas­sen und macht­frei bezeich­nen. Hier­aus folgt, dass das Spre­chen über Geschlecht und die damit ver­bun­de­nen Sprach­kon­zepte kom­plex gedacht und ana­ly­siert wer­den müs­sen: Dass unsere All­tags­spra­che in der Regel mit nur zwei Geschlech­ter­be­zeich­nun­gen und dazu schein­bar ‚pas­sen­den‘ sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen – hete­ro­se­xu­ell und homo­se­xu­ell – aus­kommt, bil­det unsere kon­zep­tio­nelle und sprach­li­che Begrenzt­heit ab, nicht jedoch die Realität.

Daher ist für eine Erwei­te­rung unse­rer Denk-, Sprech– und Schreib– und Hand­lungs­ge­wohn­hei­ten zu plä­die­ren. Vertreter_innen der Queer-Theorien schla­gen vor, mit ande­ren For­men von gedach­ter und geleb­ter Geschlecht­lich­keit Macht­be­zie­hun­gen sub­ver­siv zu hin­ter­fra­gen und aufzubrechen.

So wird nicht nur Raum für die Ver­viel­fäl­ti­gung von Gen­de­ri­den­ti­tä­ten geschaf­fen, son­dern letzt­end­lich die Legi­ti­ma­tion der Kate­go­rie Geschlecht grund­sätz­lich hinterfragt.

Corinna Ass­mann und Chris­tiane Bür­ger
Juni 2012

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