Rasse

Rasse, die; -, –en: [aus frz. race ‚Geschlecht’, ‚Stamm’, ‚Rasse’; gleich­be­deu­tend ital. razza, des­sen genaue Her­kunft unge­klärt ist], Begriff der bio­log. Sys­te­ma­tik zur Beschrei­bung v. Unter­ein­hei­ten einer Art oder Spe­zies. Sie zeich­net sich dadurch aus, dass sich die ihr ange­hö­ri­gen Indi­vi­duen in der Natur frucht­bar mit­ein­an­der kreuzen.

In der Human­bio­lo­gie fin­det der Begriff keine Anwen­dung mehr, weil unter Men­schen die gene­ti­sche Varia­bi­li­tät der Ange­hö­ri­gen einer ver­meint­li­chen Rasse zu groß und die gene­ti­sche Dif­fe­renz zwi­schen sol­chen wie­derum zu klein ist (UNESCO-Erklärung gegen den Rasse-Begriffe von 1995). Seit dem 16. Jh wurde der Begriff ver­mehrt zur Kenn­zeich­nung einer exklu­si­ven Abstam­mung bzw. Zuge­hö­rig­keit zu einer edlen Fami­lie verwendet.

Beim Ver­such, das stän­dig wach­sende Beob­ach­tungs­ma­te­rial euro­päi­scher For­schungs­rei­sen­der zu ord­nen, ent­warf der fran­zö­si­sche Arzt Fran­cois Ber­nier 1684 ein Kon­zept, mit wel­chem er erst­ma­lig eine Ein­tei­lung der Erd­be­völ­ke­rung wie der Beschaf­fen­heit von Nase, Lip­pen , Haa­ren, Zäh­nen etc vor­nahm. Die von ihm als espè­ces oder races bezeich­ne­ten Groß­grup­pen ent­spre­chen geo­gra­phi­schen Räu­men In die­sem Kon­text fand der Begriff Rasse in der Folge Ein­gang in die euro­päi­schen Sprachen.

1735 brachte der schwe­di­sche Bota­ni­ker Carl von Linné in sei­ner Arbeit „Sys­tema naturae“ als ers­ter zoo­lo­gi­sche Sys­te­ma­ti­sie­run­gen mit der Kate­go­ri­sie­rung von Men­schen in Ver­bin­dung. Zusätz­lich zu den bio­lo­gi­schen Kri­te­rien legte er sei­nem Kon­zept nicht­kör­per­li­che Fak­to­ren wie Cha­rak­ter, Klei­dung und Sit­ten zu Grunde, die er mit einer ein­deu­ti­gen Wer­tung ver­sah: „[…], das gal­ligte, cho­le­ri­sche Tem­pe­ra­ment des Ame­ri­ka­ners, der zu Erfin­dun­gen geschickte, […] durch Gesetze regierte Euro­päer, der melan­cho­li­sche, […] Pracht und Hof­fart lie­bende Asier, oder der Afri­ka­ner mit bos­haf­ter, fau­ler und läs­si­ger Gemüts­art, der durch Will­kür regiert wird.“

Mit Beginn des 19. Jh. fand der Ras­sen­be­griff, als Syn­onym für Abstam­mungs­ge­mein­schaft, im zeit­ge­nös­si­schen Dis­kurs Ein­gang. Er wurde ver­knüpft mit sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Vor­stel­lun­gen über die Kon­kur­renz von Völ­kern und Natio­nen. Charles Dar­win selbst hatte zwar in sei­ner Arbeit ‚Ori­gin of Spe­cies’ von 1859 den Begriff Rasse über­nom­men, es jedoch nicht für sinn­voll gehal­ten, den Men­schen in seine Unter­su­chun­gen mit ein­zu­be­zie­hen, weil die Mensch­heits­ge­schichte für eine evo­lu­tio­näre Betrach­tung zu kurz sei.

Durch die hier­ar­chi­sie­rende Bewer­tung von mensch­li­chen Unter­schei­dungs­merk­ma­len (Linné) wurde eine zen­trale Grund­lage für die Ent­ste­hung des Ras­sis­mus gelegt. Des­sen wesent­li­cher Aspekt ist die Höher­wer­tung der eige­nen gegen­über ande­ren Ras­sen. Aus der oben erwähn­ten anfäng­li­chen Beschrei­bung sozia­ler Unter­schiede durch den Begriff Rasse ent­stand – aus­ge­hend von Europa – ein Mit­tel zur Legi­ti­ma­tion des welt­wei­ten Herr­schafts­an­spru­ches einer „wei­ßen Rasse“ , der zu Kolo­nia­lis­mus, trans­at­lan­ti­schem Skla­ven­han­del, Segre­ga­tion, Völ­ker­mord u.a. führte. Seit dem Beginn des 20. Jh. wurde die biologisch-anthropologische Ver­wen­dung von Ras­sen­theo­rien fun­da­men­tal und nach­hal­tig in Zwei­fel gezogen.

Es han­delt sich bei Rasse wie auch Ras­sis­mus um ein dyna­mi­sches Kon­zept, wel­ches trotz der bio­lo­gi­schen Wider­le­gung der Rasse als Ein­tei­lungs­kri­te­rium, kon­zep­tu­ell wei­ter fortwirkt.

 

Jan Becht, Maja Tschumi und Phil­mon Ghir­mai
Novem­ber 2010

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