Reprä­sen­ta­tion

Re|prä|sen|ta|tion, die; -, –en [von lat. repra­es­en­tare, »ver­ge­gen­wär­ti­gen, vor Augen stel­len, nach­ah­men«] 1. Ver­tre­tung der Gesamt­heit einer Gruppe durch Ein­zelne oder eine Gruppe von Per­so­nen (z.B. poli­ti­sche Dele­ga­tion); 2. (bil­dungs­sprach­lich) Dar­stel­lung, Abbildung.

»Every regime of rep­re­sen­ta­tion is a regime of power for­med, as Fou­cault reminds us, by the fatal cou­plet ›power/knowledge‹.« (Hall, »Cul­tu­ral Iden­tity and Dia­spora« 226).

Wäh­rend im Deut­schen im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch haupt­säch­lich die erste Bedeu­tung von Reprä­sen­ta­tion geläu­fig ist, spielt in der post­ko­lo­nia­len Theo­rie gerade die Dop­pelb­e­deu­tung des Begriffs eine ent­schei­dende Rolle, denn Reprä­sen­ta­tio­nen (Abbil­dun­gen, Dar­stel­lun­gen) sind reprä­sen­ta­tiv (tre­ten an die Stelle des­sen, was sie beschrei­ben). Das heißt, wer die Dar­stel­lungs­macht besitzt, hat eben­falls Bedeu­tungs­ho­heit und Gewalt über die Wissensproduktion.

Der Pro­zess der Reprä­sen­ta­tion setzt sich aus drei Aspek­ten und Akteu­ren zusam­men: Gegen­stand, Pro­duk­tion, Rezep­tion. Diese tria­di­sche Rela­tion ent­spricht der Semio­tik, wes­we­gen Stuart Hall in sei­nem weg­wei­sen­den Essay über »The Work of Rep­re­sen­ta­tion: Cul­tu­ral Rep­re­sen­ta­tion and Signify­ing Pro­ces­ses« (1997) zunächst die Logik der Reprä­sen­ta­tion anhand der Mecha­nis­men von Bedeu­tungs­pro­duk­tion durch Spra­che und lin­gu­is­ti­scher Theo­rie nach Saus­sure nach­zeich­net. Spra­che, als zen­tra­les Medium der Pro­duk­tion und des Aus­tau­sches von Bedeu­tung, macht für Hall die Funk­tion und das Wir­ken von Reprä­sen­ta­tion zur Kon­sti­tu­ie­rung von Kul­tur deut­lich. Nach Fou­cault ist die Abwe­sen­heit des Dar­zu­stel­len­den ein Grund­prin­zip der Reprä­sen­ta­tion, da letz­tere an des­sen Stelle tritt, es ver­drängt – und so des­sen »notwendige[s] Ver­schwin­den« erzwingt und eine Leere erzeugt (Fou­cault, Die Ord­nung der Dinge 1999: 45). In die­ser Kon­stel­la­tion liegt das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hält­nis von Reprä­sen­ta­tion und ›Wirklichkeit‹.

Repräsentation

Reprä­sen­ta­tion ist ein zen­tra­les Mit­tel der Pro­duk­tion und Ver­brei­tung von Wis­sen, und somit eine der zen­tra­len Prak­ti­ken zur Pro­duk­tion von Kul­tur (ver­stan­den als geteilte Bedeutungen/geteiltes Wis­sen). Agen­ten der Reprä­sen­ta­tion sind dabei die­je­ni­gen, die andere reprä­sen­tie­ren (z.B. im poli­ti­schen Sinne), aber auch sol­che, die als reprä­sen­ta­tiv für eine Gruppe ange­se­hen wer­den, indem sie deren spe­zi­fi­sche Eigen­schaf­ten ver­kör­pern. Mit dem Begriff der »bur­den of rep­re­sen­ta­tion« (›Last der Reprä­sen­ta­tion‹) sprach der bri­ti­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Kobena Mer­cer (1990) das Miss­ver­hält­nis an, das ent­steht, wenn in einer Gesell­schaft nur ein­zelne Stim­men aus einer mar­gi­na­li­sier­ten Gruppe  öffent­lich wahr­ge­nom­men wer­den und die­sen dadurch ein reprä­sen­ta­ti­ver Cha­rak­ter für die gesamte Gruppe zuge­spro­chen wird. Mit die­ser Last hän­gen oft sehr spe­zi­fi­sche Vor­stel­lun­gen davon zusam­men, wie und wor­über sol­che ›Vertreter_innen‹ spre­chen kön­nen und sol­len: eine Debatte, die bei­spiels­weise über Lite­ra­tur und Filme von Migrant_innen nicht nur in Deutsch­land immer wie­der geführt wird. Auch in der wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens­pro­duk­tion grei­fen ähnli­che Mecha­nis­men, wenn in der For­schung auf Basis einer ›reprä­sen­ta­ti­ven Stu­die‹ gene­ra­li­sierte Aus­sa­gen über ein deut­lich grö­ße­res Feld abge­lei­tet wer­den als nur über die unter­such­ten Objekte.

Um den Fra­gen­kom­plex, wer für wen und auf wel­che Weise spricht oder spre­chen kann, dreht sich der Dis­kurs, den Stuart Hall als »poli­tics of rep­re­sen­ta­tion« beschreibt. Hier wer­den – beson­ders im Zuge der iden­tity poli­tics seit den 1960er Jah­ren – die Fra­gen dis­ku­tiert, aus wel­cher Per­spek­tive über wel­che The­men  gespro­chen wird, was eine ›authen­ti­sche‹ Sicht ist, sowie wel­che Bil­der mit wel­cher Wir­kung (re)produziert wer­den. Dar­stel­lun­gen sind nie­mals rein-mimetische ›Abbil­dun­gen der Wirk­lich­keit‹, viel­mehr haben sie bedeu­tungs­kon­sti­tu­ie­ren­den Cha­rak­ter; sie tra­gen ent­schei­dend dazu bei, Iden­ti­tä­ten und soziale Rea­li­tä­ten zu kon­stru­ie­ren. Da der selek­tive und aus­schnitt­hafte Cha­rak­ter von Reprä­sen­ta­tio­nen meist unhin­ter­fragt bleibt,  ist und bleibt die Frage nach der Dar­stel­lung (sozia­ler Min­der­hei­ten oder unter­pri­vi­le­gier­ter Grup­pen im Beson­de­ren)  ein zen­tra­les kul­tur– (und wissenschafts-)politisches Anlie­gen und Machtinstrument.

Corinna Ass­mann, Mai 2014