_ism

Mus­lime vs. Schwule“ nach dem 11. September

Karriere eines konstruierten Gegensatzes

Koray Yılmaz-Günay, Vor­trag im Rah­men des fes­ti­val contre le racisme, 12.06.2015

Abstract

9/11 und sein Nach­gang haben die Wahr­neh­mung von migran­ti­schen Com­mu­nities in der Bun­des­re­pu­blik und in Europa nach­hal­tig ver­än­dert. Islam und Inte­gra­tion haben Ein­wan­de­rung und eth­ni­sche Zuschrei­bun­gen abge­löst; ins­be­son­dere nach dem Mord an Theo van Gogh in den Nie­der­lan­den fokus­sie­ren ras­sis­ti­sche Dis­kurse – trotz ganz ande­rer Ein­wan­de­rungs­rea­li­tä­ten – auf Muslim_innen.

Die sexu­elle Selbst­be­stim­mung von (hete­ro­se­xu­el­len) Frauen und (männ­li­chen) Homo­se­xu­el­len wurde in die­sem Pro­zess zum Schlüs­selar­gu­ment in der Kon­struk­tion einer west­li­chen Iden­ti­tät, die gegen­über vor­mo­der­nen musli­mischen Iden­ti­tä­ten als fort­schritt­li­cher, auf­ge­klär­ter und eman­zi­pa­ti­ver sei.

Einige femi­nis­ti­sche und queere Aktivist_innen und Orga­nisationen haben über die­ses Bla­ming von ande­ren ihren Ein­tritt in den Main­stream der Gesell­schaft bewerk­stel­ligt – gesell­schaft­li­che Eman­zi­pa­tion ist dabei jen­seits partiku­larer Zuge­winne ins Hin­ter­tref­fen geraten.

 

Kar­riere eines kon­stru­ier­ten Gegen­sat­zes: “Mus­lime ver­sus Schwule” nach dem 11. Sep­tem­ber 2001

Die Kon­struk­tion „der Mus­lime“ als homo­gene Kategorie

Nach dem Ein­stieg mit einem Zitat von Alice Schwar­zer über „das berech­tigte Unbe­ha­gen an die­ser neuen Form des Faschis­mus“ zeich­nete Koray den Wan­del der Wahr­neh­mung von Muslim_innen sowohl ter­mi­no­lo­gisch als auch inhalt­lich seit Mitte der 1990er Jahre nach. Auf ter­mi­no­lo­gi­scher Ebene löste die Kate­go­rie „der Mus­lime“ eth­ni­sche Bezeich­nun­gen ab und führte zu einer Homo­ge­ni­sie­rung auch über Kon­fes­si­ons­gren­zen hin­weg sol­cher Men­schen, von denen man auf­grund ihrer Natio­na­li­tät ver­mu­tete, dass sie mus­li­misch seien. Koray führte hierzu als Hin­ter­grund Samuel Hun­ting­dons These vom „Kampf der Kul­tu­ren“ an, mit der 1993 die Ablö­sung des Ost-West-Konfliktes nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges durch den Kon­flikt zwi­schen ver­schie­de­nen Kul­tur­krei­sen vor­aus­sagte (beson­ders: west­li­che Chris­ten­heit vs. China (in der Wirt­schaft); west­li­che Chris­ten­heit vs. isla­mi­sche Welt). Nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber popu­la­ri­sierte sich diese Rede von den Kul­tur­krei­sen schlag­ar­tig. Sie wurde innen– und außen­po­li­tisch instru­men­ta­li­siert und pro­du­zierte mäch­tige Fik­tio­nen über Inklu­sion und Exklu­sion wie auch starke Hier­ar­chi­sie­run­gen. Auf­grund die­ser Mecha­nis­men lässt sich diese Kate­go­ri­sie­rung als ein Ras­sis­mus fas­sen, ein Ras­sis­mus der mit reli­giö­ser Ver­schie­den­heit argumentiert.

Die Kon­struk­tion des Gegen­sat­zes „Schwule vs. Muslime“

Im Fol­gen­den zeigte Yılmaz-Günay, wie die Gruppe „der Mus­lime“ häu­fig dar­über bestimmt wird, dass ihr im Beson­de­ren Homo­pho­bie zuge­spro­chen wird. In genau die­ser Zuschrei­bung sind sich die unter­schied­lichs­ten poli­ti­schen Grup­pen einig und wer­den zu strange bed­fel­lows: sei es Alice Schwar­zer und andere Vertreter_innen einer bestimm­ten Form des Femi­nis­mus, sei es der Les­ben– und Schwu­len­ver­band (LSVD), der nach einem Angriff wäh­rend des CSD in Ber­lin erklärte, die Migrant_innen in Deutsch­land müss­ten ihr Ver­hält­nis zur Homo­se­xua­li­tät klä­ren, sei es die Teil­nahme der rechts­ex­tre­men Bewe­gung Pro Köln beim CSD, oder sei es die Ber­li­ner CDU, die in ihrem Pro­gramm zur Bekämp­fung der Gewalt gegen­über sexu­el­len Min­der­hei­ten ankün­digt, den Blick beson­ders auf „Her­kunft und kul­tu­rel­len Hin­ter­grund der Täter” rich­ten zu werden.

Hin­ter­grund: Homonationalismus

Die sexu­elle Selbst­be­stim­mung (hete­ro­se­xu­el­ler Frauen und homo­se­xu­el­ler Män­ner) wurde, wie Koray nun zeigte, in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu dem Preis des Homo­na­tio­na­lis­mus erkämpft. Homo­na­tio­na­lis­mus ist ein Begriff, den die Gen­der For­sche­rin Jas­bir Puar ein­ge­führt hat Sie bezeich­net damit die Ver­qui­ckung von Homo­se­xu­el­len­rech­ten und der Ver­mark­tung von „gay-friendliness“ mit natio­na­lis­ti­schen und impe­ria­lis­ti­schen Ideo­lo­gien und Herr­schafts­struk­tu­ren. Die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Schwul­sein beschränkt sich auf Typen hege­mo­nia­ler Männ­lich­keit, wäh­rend andere Männ­lich­kei­ten wei­ter­hin benach­tei­ligt wer­den. Vor allem aber erfolgt der Ein­schluss einer Gruppe (bestimm­ter Homo­se­xu­el­ler) durch den Aus­schluss einer ande­ren Gruppe, näm­lich „der Muslime“.

In einem Zeit­strahl über meh­rere Stu­fen von 2001 bis 2010 zeich­nete Koray diese Ent­wick­lung als Teil eines kom­ple­xen Aus­hand­lungs­pro­zes­ses nach. Im Zen­trum steht die Frage, wie defi­niert sich die Gesell­schaft, in der wir leben. Dabei wird Homo­pho­bie nur noch im Kon­text eines exter­na­li­sier­ten Pro­blems dis­ku­tiert, wel­ches die Gesell­schaft von außen gefähr­det. Denn homo­phob sind immer die ande­ren – in die­sem Fall Migrant_innen bzw. Muslim_innen.

Das Jahr 2010 mar­kiert einen Wen­de­punkt, als die Regie­rung einen Aus­ruf zur Erwei­te­rung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ar­ti­kels im Grund­ge­setz um sexu­elle Min­der­hei­ten ablehnte mit der Begrün­dung, dies behin­dere die Inte­gra­tion der Mus­lime in Deutsch­land (ZMD). Dar­auf­hin schlos­sen sich der Zen­tral­rat der Mus­lime in Deutsch­land und der LSVD (Les­ben– und Schwu­len­ver­band Deutsch­land) zusam­men, um sich in einem gemein­sa­men Posi­ti­ons­pa­pier gegen die Instru­men­ta­li­sie­rung von Mus­li­men gegen Homo­se­xu­elle auszusprechen.

Zum Abschluss zitierte Yılmaz-Günay Judith But­ler, die 2010 den Zivil­cou­ra­ge­preis des Ber­li­ner CSD ablehnte mit der Begrün­dung, dass die Orga­ni­sa­tion außen­po­li­tisch Kriege unter­stütze und innen­po­li­tisch ras­sis­ti­sche Dis­kurse nähre, und benannte zwei grund­sätz­li­che Pro­bleme: ers­tens, die Auf­spal­tung von Iden­ti­tä­ten (ent­ge­gen eines inter­sek­tio­na­len Blicks auf Iden­ti­tät), die einem homo­na­tio­na­lis­ti­schen Ras­sis­mus den Boden berei­tet, und zwei­tens, die Mei­nungs­füh­rer­schaft über andere.

Dis­kus­sion

Die erste Frage der Dis­kus­sion bezog sich dar­auf, ob die im Vor­trag für Deutsch­land nach­ge­zeich­nete Kon­struk­tion des Gegen­sat­zes auch für „mus­li­mi­sche Län­der“ gül­tig sei. Koray ant­wor­tete, dass zunächst die (his­to­ri­sche und gegen­wär­tige) Ver­schie­den­heit der all­ge­mein unter die­sem Label gefass­ten Län­der zu berück­sich­ti­gen sei. Der Kolo­ni­al­hin­ter­grund hat durch die Durch­set­zung der vik­to­ria­ni­schen Ethik in vie­len der Län­der beste­hende Modelle sexu­el­ler Viel­falt kaputt gemacht. Wich­tig sei, dass die Kon­texte andere sind, und ein Ver­gleich daher nicht geeig­net ist. Dies gelte auch für ver­schie­dene Län­der inner­halb Europas.

Eine wei­tere Frage sprach die Art an, wie sich west­li­che Gesell­schaf­ten den „Fort­schritt“ in der Aner­ken­nung bestimm­ter For­men schwu­ler Iden­ti­tät auf die Fahne schrei­ben. Bringe dies, so die Frage, nicht nur Mus­lim­feind­lich­keit mit sich, son­dern ver­leite mög­li­cher­weise auch anti-westlich ori­en­tierte Gesell­schaf­ten dazu, sich vom Wes­ten abzu­gren­zen, indem sie Schwu­len– und Les­ben­rechte mit einer dezi­dier­ten Poli­tik gegen Homo­se­xua­li­tät ein­schrän­ken. Koray bestä­tigte, dass sich Homo­se­xua­li­tät als Iden­ti­täts­mo­dell, wie es in west­li­chen Gesell­schaf­ten häu­fig dis­ku­tiert und gelebt wird, anbie­tet, eine anti-westliche Poli­tik durch anti-Homosexuellen-Politik auf einer sym­bo­li­schen Ebene durch­zu­set­zen.* Auch hier stellt sich jedoch die Frage, wer die Mei­nungs­füh­rer­schaft vor Ort hat, wenn der Aktio­nis­mus poli­ti­scher Grup­pen in west­li­chen Län­dern die Situa­tion und die Bedürf­nisse betrof­fe­ner Grup­pen vor Ort nicht berück­sich­tigt. Auch dies führt dazu, dass das Pro­blem aus­ge­la­gert wird: Es wird zwar über Homo­pho­bie in Russ­land oder Uganda dis­ku­tiert, nicht aber über die vor­han­dene, struk­tu­relle Homo­pho­bie in Deutsch­land. In die­sem Sinne schloß Yılmaz-Günay mit dem Appell,  dass die Gesell­schaft nur vor­an­kom­men könne, wenn diese Auf­spal­tung über­wun­den werde und Pro­bleme gemein­sam ange­gan­gen werden.

Corinna Ass­mann, Juni 2015

 

* hier wies er dar­auf hin, dass dies natür­lich nicht auf der sym­bo­li­schen Ebene bleibe, in dem Moment, in dem diese Poli­tik in Form mani­fes­ter Homo­pho­bie für die betrof­fe­nen Men­schen zu spü­ren wird.

 

Wei­ter­füh­rende Lektüre:

Koray Yılmaz-Günay (Hg.). Kar­riere eines kon­stru­ier­ten Gegen­sat­zes: Zehn Jahre „Mus­lime ver­sus Schwule”. Sexu­al­po­li­ti­ken seit dem 11. Sep­tem­ber 2001. Müns­ter: edi­tion assem­blage 2014.
216 Sei­ten, 18.00 Euro

http://www.edition-assemblage.de/karriere-eines-konstruierten-gegensatzes/

Rezen­sio­nen zum Sammelband:

auf kritisch-lesen

im mäd­chen­blog

auf Aus Liebe zur Frei­heit — Blog von Antje Schrupp