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Ich wohne, also bin ich“

Podiumsdiskussion im DAI (7.2.2012)

Flyer1 - emmertsgrund.deIch wohne in Hei­del­berg, also bin ich… Hei­del­ber­ge­rIn! Oder viel­leicht doch nicht? Bedeu­tet in der Stadt zu woh­nen, auto­ma­tisch Teil der Stadt zu sein und sich dazu­ge­hö­rig zu füh­len? Kommt es nicht auch dar­auf an, in wel­cher räum­li­chen und sozia­len Situa­tion sich die ein­zel­nen Bewoh­ne­rIn­nen befin­den? Wohn­um­feld, Lage und Anbin­dung eines Stadt­teils ent­schei­den mit über die soziale Inte­gra­tion und gesell­schaft­li­che Teil­habe sei­ner BewohnerInnen.

Durch die neu ent­ste­hen­den stadt­na­hen Kon­ver­si­ons­flä­chen bie­tet sich der Stadt Hei­del­berg die Chance, städ­te­pla­ne­risch der geo­gra­fi­schen Mar­gi­na­li­sie­rung von ein­kom­mens­schwa­chen Men­schen mit Migra­tionshin­ter­grund ent­ge­gen zu wir­ken und ihre soziale Inte­gra­tion zu för­dern. Eine vom Ver­ein schwarz­weiss und dem Ausländer-/Migrationsrat Hei­del­berg ver­an­stal­tete Podi­ums­dis­kus­sion bot den Rah­men, sich mit Exper­tIn­nen und ande­ren Inter­es­sier­ten dar­über aus­zu­tau­schen, wel­che inte­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Risi­ken und Poten­tiale in den neuen Hei­del­ber­ger Groß­pro­jek­ten stecken.

Podiumsdiskussion "Ich wohne, also bin ich" in der Bibliothek des DAI

Podi­ums­dis­kus­sion „Ich wohne, also bin ich“ in der Biblio­thek des DAI

Über sech­zig Inter­es­sierte folg­ten die­ser Ein­la­dung und fan­den sich am ver­gan­ge­nen Diens­tag­abend im DAI ein. Vier Exper­tIn­nen aus Wis­sen­schaft und Stadt­po­li­tik stell­ten mit ihren Bei­trä­gen die Grund­lage der Dis­kus­sion: Die Eth­no­lo­gin und Bera­te­rin für Migra­tion und Stadt, Dr. Esther Baum­gärt­ner, Meh­met Orcun Bas­kaya vom Ausländer-/Migrationsrat Hei­del­berg, die Stadt­geo­gra­fin Prof. Dr. Ulrike Ger­hard sowie als Ver­tre­ter der Stadt Hei­del­berg Joa­chim Hahn, Lei­ter des Amts für Stadt­ent­wick­lung und Sta­tis­tik. „Hei­del­berg ist anders“, erklärte Hahn ein­lei­tend. Im Ver­gleich zu Indus­trie­städ­ten wie Mann­heim, in die auf­grund des Gast­ar­bei­ter­ab­kom­mens in den 1950er und –60er Jahre viele Arbei­te­rIn­nen immi­grier­ten, haben sich in der Uni­ver­si­täts­stadt Hei­del­berg ver­mehrt bil­dungs­starke Bür­ge­rIn­nen ange­sie­delt. Aktu­ell sind über fünf­zig Pro­zent der Hei­del­ber­ger Ein­woh­ne­rIn­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund Ange­hö­rige einer, wie es Hahn nannte, „post-integrativen, bikul­tu­rel­len Avant­garde“ – Bür­ge­rIn­nen höhe­ren Bil­dungs­stan­des, ökono­misch gut gestellt und ohne Integrationsprobleme.

Was aber ist mit den ande­ren fünf­zig Pro­zent? Die Mode­ra­to­rin Jagoda Mari­nic ver­wies ange­sichts des Dis­kus­si­ons­the­mas auf die Not­wen­dig­keit, an die­sem Abend nicht über Inte­gra­ti­ons­er­folge zu spre­chen, son­dern über die Pro­bleme. In Hei­del­berg gibt es durch­aus migran­ti­sche Grup­pen, die von Segre­ga­tion und Mar­gi­na­li­sie­rung betrof­fen sind. Ulrike Ger­hard erklärte, dass dabei der kul­tu­relle Hin­ter­grund weni­ger aus­schlag­ge­bend ist als die soziale und ökono­mi­sche Stel­lung. In Hei­del­berg zeigt sich ein Zusam­men­hang zwi­schen sozio­öko­no­mi­scher Situa­tion und Wohn­lage inner­halb der Stadt. Ein Blick auf die Ver­tei­lung der migran­ti­schen Bevöl­ke­rung auf die ver­schie­de­nen Hei­del­ber­ger Stadt­teile lässt, laut Ger­hard, ein Ungleich­ge­wicht zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie erken­nen. Joa­chim Hahn bestä­tigte dies mit Fak­ten: Wäh­rend die alt­stadt­na­hen Stadt­teile wie Zie­gel­hau­sen und Schlier­bach den gerings­ten Anteil an migran­ti­schen Bewoh­ne­rIn­nen auf­wei­sen, stel­len die aus­ge­la­ger­ten Teile Emmerts­grund und Box­berg mit Antei­len von knapp sieb­zig bezie­hungs­weise fünf­zig Pro­zent die Spitze dar. In der Peri­phe­rie der Stadt ist der Wohn­raum güns­ti­ger. Eine Inte­gra­tion in das gesell­schaft­li­che und kul­tu­relle Stadt­le­ben, das sich vor allem im Zen­trum abspielt, ist damit von der Wohn­lage bezie­hungs­weise den Miet­prei­sen und finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten abhängig.

Ulrike Ger­hard sprach in die­sem Zusam­men­hang von einer „zwei­fa­chen Exklu­sion“, die die räum­li­che Aus­gren­zung der ökono­misch schlech­ter gestell­ten Hälfte der Migran­tIn­nen zur Folge habe: In den aus­ge­la­ger­ten Stadt­tei­len besteht nur wenig kul­tu­rel­ler Aus­tausch mit den Bür­ge­rIn­nen ande­rer, zen­trums­na­her Stadt­teile. Soziale Inte­gra­tion wird dadurch erschwert. Hinzu kommt der Zustand rela­ti­ver Armut, von dem viele Men­schen vor allem im Emmerts­grund betrof­fen sind und der einer gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Teil­habe ent­ge­gen­steht. Esther Baum­gärt­ner hat anhand des Bei­spiels des Mann­hei­mer Stadt­teils Jung­s­busch, mit dem sie sich wis­sen­schaft­lich aus­ein­an­der­ge­setzt hat, gezeigt, wie sich eine zen­trale Wohn­lage posi­tiv auf die Inte­gra­ti­ons­chan­cen von Migran­tIn­nen aus­wir­ken kann. Sie ver­wies dar­auf, dass im Umkehr­schluss die Stig­ma­ti­sie­rung eines Stadt­teils dazu füh­ren kann, dass die Bewoh­ne­rIn­nen die nega­ti­ven Fremdzuschrei­bun­gen über­neh­men und sich selbst vom Rest der städ­ti­schen Bevöl­ke­rung abgren­zen. Daran anknüp­fend wurde dis­ku­tiert, inwie­fern auch in Hei­del­berg in Zukunft eine sol­che räum­li­che Inte­gra­tion geleis­tet und wei­tere Segre­ga­tion – sowohl eth­nisch wie auch sozial – ver­hin­dert wer­den könnte. Kön­nen die ab 2015 ent­ste­hen­den stadt­na­hen Kon­ver­si­ons­flä­chen als eine Per­spek­tive gese­hen werden?

Die vier Podi­ums­dis­ku­tan­ten waren sich einig, dass die neuen Stadt­flä­chen eine Chance seien, Segre­gie­rungs­me­cha­nis­men ent­ge­gen­zu­wir­ken. Joa­chim Hahn sprach gar von einer „his­to­risch ein­ma­li­gen Chance“, die sich der Stadt­pla­nung durch die 200 Hektar umfas­sen­den Kon­ver­si­ons­flä­chen biete – eine Flä­che dop­pelt so groß wie die Alt­stadt. Meh­met Orcun Bas­kaya for­derte, diese Chance rich­tig zu nut­zen: Der neue Wohn­raum muss güns­tig wer­den, um als Inte­gra­ti­ons­ve­hi­kel zu wir­ken. Die Stadt muss sich stadt­pla­ne­risch gegen die Bil­dung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten enga­gie­ren und die räum­li­che Basis für ein Mit– statt einem Neben­ein­an­der stellen.

Ein­deu­tige Pläne bezüg­lich der Kon­ver­si­ons­flä­chen gibt es aller­dings noch nicht und vie­les ist noch offen. Ent­spre­chend fan­den die Podi­ums­gäste auf Nach­fra­gen aus dem Publi­kum zur kon­kre­ten Umset­zung nur vage Ant­wor­ten: Wie kann die Vor­stel­lung der neuen Stadt­flä­chen als Räume sozia­ler und kul­tu­rel­ler Durch­mi­schung umge­setzt wer­den? Kann man so etwas pla­nen? Wenn eine Ansie­de­lung von Migran­tIn­nen in zen­trums­na­hen Wohn­ge­gen­den for­ciert wird, was geschieht dann mit dem Emmerts­grund? Kann die­ser gestärkt wer­den und wenn ja wie? Wel­che finan­zi­el­len Mit­tel ste­hen zu Ver­fü­gung? Wie kann erreicht wer­den, dass die räumlich-sozial mar­gi­na­li­sier­ten Stadt­be­woh­ne­rIn­nen nicht nur Gegen­stand der Pla­nungs­de­batte blei­ben, son­dern aktiv in diese mit­ein­be­zo­gen wer­den? Zwar enga­gie­ren sich hier bereits der Ausländer-/Migrationsrat sowie das Stadt­teil­ma­nage­ment Emmerts­grund, doch ist man noch weit davon ent­fernt, sozial schwä­cher gestellte Migran­tIn­nen pla­ne­risch in Stadt– und Inte­gra­ti­ons­de­bat­ten einzubeziehen.Flyer bahnstadt

Die Kon­zep­tion steckt noch in den Kin­der­schu­hen. Von Bür­ge­rIn­nen­seite sollte dies als eine Chance begrif­fen wer­den, den bevor­ste­hen­den Weg mit­zu­ge­hen und seine Rich­tung mit­zu­be­stim­men. Die Stadt zeigt sich offen, so Joa­chim Hahn, ihre Bewoh­ne­rIn­nen im Rah­men eines „dia­lo­gi­schen Pla­nungs­pro­zes­ses“ bei der Frage nach der Gestal­tung der neuen Stadt­flä­chen ein­zu­be­zie­hen. Am Anfang ste­hen viele Ideen – wich­tig ist, so ein Fazit der Dis­kus­sion, dass diese im wei­te­ren Pla­nungs­pro­zess nicht aus den Augen ver­lo­ren wer­den. Der Dia­log zwi­schen Stadt und Wis­sen­schaft auf der einen und den Bür­gern auf der ande­ren Seite muss auf­recht gehal­ten und inten­si­viert wer­den. Eine kri­ti­sche Stimme aus dem Publi­kum wies jedoch auf den aus­gren­zen­den Cha­rak­ter des Mot­tos der in Hei­del­berg ab die­sem Jahr statt­fin­den­den Inter­na­tio­na­len Bau­aus­stel­lung (IBA) „Wissen-schafft-Stadt“ hin: Das Motto legt bereits von vor­ne­her­ein fest, dass bil­dungs­ferne Men­schen nicht als dazu­ge­hö­rig erach­tet wür­den. Außer­dem muss über­legt wer­den, wel­ches Wis­sen Stadt schafft. Es wurde dafür plä­diert, den Slo­gan brei­ter zu ver­ste­hen, sodass nicht nur aka­de­mi­sches son­dern auch das lokale Wis­sen von Bür­ge­rIn­nen über die Belange ihres Stadt­teils mit in die Stadt­pla­nung ein­be­zo­gen wird. Die IBA ist eine Gele­gen­heit von vie­len, in der sich die Stadt Hei­del­berg als Wis­sen­schafts­stand­punkt ihrer Inter­na­tio­na­li­tät rühmt. Dabei darf es aber nicht nur um ein Image gehen. Inter­kul­tu­rel­les Zusam­men­le­ben in der Stadt und vor allem auch außer­halb des uni­ver­si­tä­ren Umfel­des muss Ziel einer erfolg­rei­chen Stadt­po­li­tik sein.

Wir bedan­ken uns ganz herz­lich beim Ausländer-/ Migra­ti­ons­rat Hei­del­berg, den Podi­ums­gäs­ten und der Mode­ra­to­rin sowie beim DAI für die erfolg­rei­che Zusammenarbeit.

Caro­lin Lie­bisch, Februar 2012