postcolonialism

Post­ko­lo­nia­lis­mus

Post|ko|lo|ni|a|lis|mus, der; -, [post– Prä­fix + Kolo­nia­lis­mus; zu post­ko­lo­nial Adj.] Die Epo­che nach Auf­lö­sung der Kolo­nien; der kul­tu­relle Zustand einer post­ko­lo­nia­len Gesell­schaft; / kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit und intel­lek­tu­elle Los­lö­sung von den gesell­schaft­li­chen, ökono­mi­schen, poli­ti­schen Aus­wir­kun­gen des Kolo­nia­lis­mus.
Der Begriff Post­ko­lo­nia­lis­mus bezeich­net eine breit gefasste, nach dem Zusam­men­bruch des euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus in den Jahr­zehn­ten nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ein­set­zende intel­lek­tu­elle Strö­mung, in der eman­zi­pa­to­risch und ideo­lo­gie­kri­tisch ori­en­tierte und von Theo­rie­ent­wür­fen der Dis­kurstheo­rie und der Dekon­struk­tion beein­flusste Wis­sen­schaf­fende (oft selbst mit (post-)kolonialen Bio­gra­phien wie Talal Asad, Homi K. Bhabha, Frantz Fanon, Edward Said, Gaya­tri Spi­vak) began­nen, die kom­ple­xen Zusam­men­hänge zwi­schen ökono­mi­scher, mili­tä­ri­scher und poli­ti­scher Kolo­ni­sie­rung außer­eu­ro­päi­scher Gesell­schaf­ten und ihrer aka­de­mi­schen Erfor­schung auf­zu­ar­bei­ten. Mit Post­ko­lo­nia­lis­mus wird inner­halb die­ser Strö­mung dabei zum einen eine his­to­ri­sche Zäsur gesetzt: Die Benen­nung der Gegen­wart als post-, also nach–kolo­nial, betont Kolo­nia­lis­mus und die Befrei­ung von Kolo­nia­lis­mus und die damit zusam­men­hän­gende Grün­dung von Natio­nal­staa­ten aus der Kon­kurs­masse der ehe­ma­li­gen Kolo­nialim­pe­rien als für viele Gesell­schaf­ten im 20. Jahr­hun­dert zen­tra­les poli­ti­sches Ereig­nis. Zum ande­ren drückt Post­ko­lo­nia­lis­mus ein Oppo­si­ti­ons­ver­hält­nis aus: gegen Kolo­nia­lis­mus – und somit die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Rol­len­bil­dern und Macht­struk­tu­ren (ver­stan­den als eine kom­plexe Matrix von Macht und Macht­lo­sig­keit, Zen­trum und Peri­phe­rie, Herr­schen­den und Beherrsch­ten; sowie ökono­mi­sche, kul­tu­relle und poli­ti­sche Bezie­hun­gen zwi­schen Natio­nen, Eth­nien, Kul­tu­ren), die ihren Ursprung im Kolo­nia­lis­mus haben und bis heute fortwirken.

Post­ko­lo­niale Ansätze rich­ten ihren Blick einer­seits auf die Dekon­struk­tion kolo­nia­ler Denk­mus­ter als Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gien für die euro­päi­sche Kolo­ni­al­herr­schaft, ande­rer­seits auf die durch den Kolo­nia­lis­mus aus­ge­lös­ten gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse sowohl in den Kolo­nien als auch in den Kolo­ni­al­staa­ten. Der Post­ko­lo­nia­lis­mus zieht seine eman­zi­pa­to­ri­schen Poten­tiale aus der Ein­sicht, dass die Wahr­heits­re­gime der kolo­nia­len Moderne nicht geschlos­sen sind, son­dern insta­bil, hete­ro­gen, in sich wider­sprüch­lich und mehr­deu­tig, was sie öffnet für Subversion[1] und unge­plante Umdeu­tun­gen, wie dies Homi K. Bhabha in sei­nen Arbei­ten zu Hybridität beschreibt. Aus die­sen Über­le­gun­gen und in enger Ver­knüp­fung mit herr­schafts­kri­ti­schen Pro­gram­men wie denen des Post­struk­tu­ra­lis­mus und Femi­nis­mus spei­sen post­ko­lo­niale Ansätze ihre Ver­su­che einer ele­men­ta­ren Desta­bi­li­sie­rung von Gesell­schafts­ord­nun­gen, der Stär­kung alter­na­ti­ver, mar­gi­na­li­sier­ter Posi­tio­nen und der Ent­wick­lung von Per­spek­ti­ven, die west­li­che Domi­nanz in Frage stel­len; d.h. an Wahr­hei­ten, die lange als unan­fecht­bar gal­ten, soll durch post­ko­lo­niale Kri­tik gerüt­telt werden.

Als para­dig­ma­tisch für diese For­men der Kri­tik gilt Edward SAIDs Stu­die Ori­en­ta­lis­mus (1978, dt. Übers. von Liliane Weiss­berg 1981). Von Ansät­zen des lin­gu­is­tic turn über die wirk­lich­keits­kon­sti­tu­ie­ren­den Poten­tiale von Kom­mu­ni­ka­tion und Fou­caults macht– und wahr­heits­kri­ti­schem Begriff des Dis­kur­ses aus­ge­hend, erar­bei­tete Said einen genea­lo­gi­schen Ansatz, der das Den­ken, Spre­chen und Han­deln euro­päi­scher Akteure im Kolo­nia­lis­mus trans­pa­rent machen sollte. Nach Said kann der „Ori­ent“ gewis­ser­ma­ßen als «euro­päi­sche Erfin­dung» gel­ten, die hier ein zen­tra­les Bild des „Ande­ren“ für Europa ent­wirft (SAID 1979: 1). Getra­gen wor­den sei das euro­päi­sche Ori­ent­kon­zept von einer Ideo­lo­gie, die Ori­ent und Okzi­dent als Gegen­satz­paar auf­baute und zur Grund­lage jeder Aus­ein­an­der­set­zung mit außer­eu­ro­päi­schen Gesell­schaf­ten machte. Wäh­rend euro­päi­sche bür­ger­li­che Eli­ten sich selbst als Trä­ger einer moder­nen, also, libe­ra­len, ratio­na­len, gerech­ten, huma­nis­ti­schen, fort­schritt­li­chen, dyna­mi­schen und oft auch säku­la­ren, über­le­ge­nen Zivi­li­sa­tion neu erfan­den und dadurch diese Kräfte inner­halb der euro­päi­schen Staa­ten affir­mier­ten, seien die Bewoh­ner des „Ori­ents“ mehr­heit­lich über Irra­tio­na­li­tät, Zeit­lo­sig­keit, Grau­sam­keit, Deka­denz und Unver­än­der­bar­keit defi­niert wor­den, also über Eigen­schaf­ten, deren Über­win­dung sich das Groß­bür­ger­tum in Europa als Leis­tung zuschrieb. Die west­li­che wis­sen­schaft­li­che Pro­duk­tion über die außer­eu­ro­päi­sche Welt sei immer als Teil eines Wissen-Macht-Regimes zu sehen, das auf einer essen­tia­li­sie­ren­den Pola­ri­sie­rung zwi­schen einem ratio­na­len Ich und einem irra­tio­na­len Ande­ren beruhe. Der irra­tio­nale Andere werde in einem hege­mo­nia­len Dis­kurs auf eine Art reprä­sen­tiert, die ihn sei­ner Selbst­er­klä­rungs– und Deu­tungs­kom­pe­tenz beraubt, diese in den Hän­den des Ori­en­ta­lis­ten mono­po­li­siert und so die beste­hen­den poli­ti­schen, ökono­mi­schen und intel­lek­tu­el­len Asym­me­trien naturalisiert.[2] Diese essen­tia­lis­ti­sche, kul­tu­ra­lis­ti­sche und im Wesent­li­chen ras­sis­ti­sche Alte­ri­sie­rung des „Ori­ents“, wel­che die soziale Rea­li­tät die­ser Gesell­schaf­ten über­schrieb, habe es dem Wes­ten mög­lich gemacht, Auto­ri­tät über den „Ori­ent“ zu legi­ti­mie­ren, Res­sour­cen dafür zu mobi­li­sie­ren und die Hege­mo­nie über ihn durchzusetzen.

Post­ko­lo­niale Ansätze ermög­li­chen auch eine Kri­tik an heu­ti­gen Macht­asym­me­trien, indem sie expli­zit dar­auf hin­wei­sen, wie diese sich aus kolo­nia­len Struk­tu­ren und Netz­wer­ken erst ver­fes­ti­gen und bis heute in poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Bezie­hun­gen über­dau­ern konn­ten. Ein Bei­spiel hier­für ist die Ideo­lo­gie, Bild­spra­che und Pra­xis der soge­nann­ten „Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit“; hier knüp­fen oft nicht nur das Wer­be­ma­te­rial huma­ni­tä­rer Orga­ni­sa­tio­nen und die Medi­en­be­richt­er­stat­tung an eine kolo­niale Bild­me­ta­pho­rik der Hilfs­be­dürf­tig­keit, Kind­lich­keit und Bedro­hung an, son­dern auch huma­ni­täre Pro­jekte, die durch klare Dominanz-Abhängigkeitsverhältnisse cha­rak­te­ri­siert sind. In einer post­ko­lo­nia­len Les­art erschei­nen west­li­che Hilfs­pro­jekte also nicht mehr als Altru­is­mus, son­dern viel­mehr als eine Fort­füh­rung des Kolo­nia­lis­mus mit ande­ren Mit­teln. Der lange kolo­niale Schat­ten zeigt sich auch im „Krieg gegen den Ter­ror“ und den damit ver­bun­de­nen Welt– und Feind­bil­dern, wie Derek Gre­gory in The Colo­nial Pre­sent: Afgha­nis­tan, Palestine, Iraq (2004) her­aus­ar­bei­tet. All die­sen Bei­spie­len lie­gen kon­stru­ierte Wahr­hei­ten kolo­nia­ler Ste­reo­type zu Grunde, die ihre Wirk­macht erst durch stän­dige (Re-)Produktion erlan­gen konn­ten. Genau hier kön­nen post­ko­lo­niale Ansätze anknüp­fen, in dem sie die Kon­stru­iert­heit und Nor­ma­ti­vi­tät, aber auch die Brü­chig­keit solch ver­meint­lich unan­fecht­ba­rer Wahr­hei­ten sicht­bar machen, die hete­ro­gene Viel­falt kul­tu­rel­ler Deu­tun­gen aner­ken­nen und mar­gi­na­li­sierte, alter­na­tive Wis­sens­for­men abseits hege­mo­nia­ler Wahr­hei­ten begrüßen.

 


[1] Sub­ver­sion bedeu­tet die Bestre­bung, hege­mo­nia­len Ord­nungs­sys­te­men und Dar­stel­lungs­prak­ti­ken des Kolo­nia­lis­mus einen kri­ti­schen Gegen­dis­kurs ent­ge­gen­zu­stel­len, in dem die Deu­tungs­ho­heit über das Eigene zurück­ge­holt und in einem posi­ti­ven Umdeu­tungs­pro­zess ange­eig­net wird. Bei­spiel­haft dafür ist in der post­ko­lo­nia­len Lite­ra­tur das „Writing-back“-Paradigma (vgl. B. Ashcroft/G. Griffiths/H. Tif­fin, The Empire Wri­tes Back) oder Prak­ti­ken des „Rewri­t­ing“, die durch eine Erwei­te­rung der Per­spek­ti­ven, neue Inter­pre­ta­tio­nen der Geschichte und krea­tive Gegen­ver­sio­nen die zen­tra­lis­ti­sche Domi­nanz kolo­nia­ler Dis­kurse aufbrechen.


[2] Ronald Inden fasst die­sen Sach­ver­halt poin­tiert zusam­men: „The know­ledge of the Ori­en­ta­list […] has appro­pria­ted the power to rep­re­sent the Ori­en­tal, to trans­late and explain his (and her) thoughts and acts not only to the Euro­peans and Ame­ri­cans but also to the Ori­en­tals them­sel­ves“ (Inden 1986: 408).

 

Corinna Ass­mann, Dan­jiel Cube­lic, Diana Grie­sin­ger
Februar 2014