Unab­hän­gig­keit

Unab­hän­gig­keit, die; [von ? „, unab­hän­gig adj. adv. , gegen­t­heil von abhän­gig. die­ses, von abhang abge­lei­tet, ist in der sinn­li­chen bedeu­tung accli­vus gegen 1480 […] bezeugt. seit dem 17. jh., eigent­lich wohl erst im zusam­men­hang mit der auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie […]: unab­hän­gig ersetzt nun das ältere unan­ge­bun­den“; Jakob und Wil­helm Grimm: Deut­sches Wörterbuch]

Der Begriff Unab­hän­gig­keit exis­tiert vor allem in Kon­trast zu sei­nem Gegen­teil, der Abhän­gig­keit. Es wer­den zwei ein­an­der aus­schlie­ßende Ein­hei­ten geschaf­fen, die in einer unglei­chen Bezie­hung zuein­an­der ste­hen. Bei­den Begrif­fen ist gemein­sam, dass sie nicht ohne den ande­ren exis­tie­ren kön­nen, denn sie brau­chen beide die Erklä­rung, wovon sie abhän­gen, bezie­hungs­weise wovon sie sich unab­hän­gig gemacht haben. In die­ser Bezie­hung wird dem „Unab­hän­gi­gen“ Akteur­scha­rak­ter zuge­schrie­ben, wäh­rend dage­gen das „Abhän­gige“ als pas­si­ves· Objekt erscheint. 
Unter Unab­hän­gig­keit wird eine Situa­tion ver­stan­den, die end­gül­tig und abso­lut ist. Sie bezeich­net den Zustand nach einem Bruch, der die Abhän­gig­keit gewalt­sam in ihr Gegen­teil ver­kehrt. Abhän­gig­keit wird dabei per se nega­tiv kon­no­tiert, Unab­hän­gig­keit durch­weg posi­tiv. In der euro­päi­schen Phi­lo­so­phie­tra­di­tion wird Unab­hän­gig­keit mit der Frei­heit des Indi­vi­du­ums von äuße­ren Zwän­gen gleich­ge­setzt. Im poli­ti­schen Zusam­men­hang wird der Unab­hän­gig­keits­be­griff von der Ebene des Indi­vi­du­ums auf die des Staa­tes über­tra­gen. Er meint dann die geglückte Abna­be­lung einer ehe­ma­li­gen Kolo­nie von der Kolo­ni­al­macht. Dazu gehö­ren auch eine eigene Ver­fas­sung, eigene Gesetze, eine eigene Regie­rung und Verwaltung.

Diese bei­den Bedeu­tun­gen des Begriffs, die poli­ti­sche und die philosophisch-individuelle, ver­schmel­zen in der All­tags­spra­che. Dann wird die recht­li­che Sou­ve­rä­ni­tät eines Staa­tes gleich­ge­setzt mit der Frei­heit sei­ner Bür­ger – nicht unbe­dingt sei­ner Bür­ge­rin­nen. Im Gegen­teil benö­tigt die Sou­ve­rä­ni­tät eines Staa­tes im Gegen­teil häu­fig gera­dezu die Unter­ord­nung sei­ner Indi­vi­duen unter staat­li­che Regeln, Gesetze und Nor­men. Unab­hän­gig sind dabei zunächst die­je­ni­gen, die über diese Gesetze ent­schei­den. Oft wur­den die Unab­hän­gig­kei­ten von Eli­ten erklärt, die die Macht hat­ten, ihre Poli­tik durch­zu­set­zen. Dabei spiel­ten Haut­farben, eth­ni­sche Zuschrei­bun­gen und das Geschlecht fast immer eine große Rolle bei der Kon­struk­tion natio­na­ler Iden­ti­tä­ten. Poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit schließt also nicht auto­ma­tisch die Unab­hän­gig­keit aller Akteure (oder gar aller Akteu­rin­nen, der Kin­der, der Armen etc.) mit ein – höchs­tens als Uto­pie und Denkmodell.

Dem durch einen Bruch her­bei­ge­führte Zustand der Unab­hän­gig­keit steht der Begriff der Deko­lo­ni­sie­rung gegen­über. Die­ser bezeich­net weni­ger eine Per­spek­tive der Kolo­nie, son­dern zeigt die Sicht und den noch immer gel­ten­den Macht­an­spruch des kolo­ni­sie­ren­den Staa­tes auf: Deko­lo­ni­sie­rung und meint einen pro­zes­sua­len Übergang von einem binär gedach­ten Modell „Kolo­nie — unab­hän­gi­ger Staat“.

Kolo­nia­lis­mus kann min­des­tens zwei­er­lei bedeu­ten: eine poli­ti­sche Situa­tion der for­ma­len Herr­schaft und Abhän­gig­keit, aber auch eine kul­tu­relle und psy­cho­lo­gi­sche Dimen­sio­nen; kurz: Kolo­nia­lis­mus, der im Kopf statt­fin­det. Das theo­re­ti­sche Kon­zept des Post­ko­lo­nia­lis­mus ver­sucht diese zweite Ebene sicht­bar zu machen, indem die Fol­gen der Kolo­nia­li­sie­rung für die Kul­tur und das Den­ken der Betrof­fe­nen Gesell­schaf­ten in den Mit­tel­punkt gerückt wer­den. Damit sol­len kolo­niale Struk­tu­ren auf­ge­deckt wer­den, die auch nach Ende der for­ma­len Kolo­ni­al­herr­schaft· wei­ter beste­hen können.

Post­ko­lo­niale Theo­re­ti­ke­rIn­nen gehen davon aus, dass nicht nur die Kolo­nien, son­dern auch die Kolo­ni­al­herr­sche­rIn­nen vom Kolo­nia­lis­mus geprägt sind. Die Trenn­li­nie zwi­schen den­je­ni­gen, die kolo­ni­siert wur­den, und den­je­ni­gen, die kolo­ni­siert haben, ver­schwimmt damit. Die Macht­be­zie­hun­gen zwi­schen Unab­hän­gi­gen und Abhän­gi­gen wer­den auf­ge­weicht. Post­ko­lo­nia­lis­mus ist ebenso wie Deko­lo­ni­sie­rung ein stän­di­ger Pro­zess, jedoch einer, der viel­leicht nie abge­schlos­sen sein wird. Es ist ein ste­tes Rin­gen um die Frage, wie die Indi­vi­duen der Kolo­nie selbst, aber auch die der (ehe­ma­li­gen) Kolo­ni­al­macht mit dem Kolo­nia­lis­mus· umge­hen kön­nen. Post­ko­lo­nia­lis­mus bezeich­net also kein zeit­li­ches Nach (Post). Statt­des­sen soll ein Dar­über­hin­aus und Jen­seits des Kolo­nia­lis­mus gestal­tet werden.

 

Caro­line Autha­ler, Jan Die­bold, Caro­lin Lie­bisch und Miriam Öster­reich
Januar 2011