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Ver­an­stal­tungs­rück­schau: „Unerwünscht“

Uner­wünscht – Drei Brü­der aus dem Iran erzäh­len ihre deut­sche Geschichte

Lesung mit Masoud und Mojtaba Sadinam

Eine Koope­ra­tion von Aus­län­der–Migra­tionsrat Hei­del­berg (AMR), schwarz­weiss e.V., Deutsch-Amerikanisches Institut (DAI) und Fes­ti­val contre le Racisme // Don­ners­tag, 23. Juni 2016, im DAI Hei­del­berg, mit Flüs­te­r­ecke auf Farsi

banner_facebookWie ist es als Asyl suchende Per­son nach Deutsch­land zu kom­men? Die Lesung der Brü­der Sadi­nam zeigt, dass jen­seits aller Will­kom­mens­kul­tur und der tat­säch­li­chen Offen­heit und Initia­tive vie­ler Men­schen und Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land ein poli­ti­sches und von der Gesell­schaft mit­ge­tra­ge­nes Sys­tem exis­tiert, das Ankom­men­den ein Gefühl von „Uner­wünscht­sein“ ver­mit­telt. Michael Mwa Alli­madi, Vor­sit­zen­der des AMR, betonte in sei­nen Begrü­ßungs­wor­ten, dass die Geschichte der drei Brü­der Sadi­nam stell­ver­tre­tend für die Erfah­run­gen vie­ler Ankom­men­der gele­sen wer­den könne und rief die über 90 Zuhörer_innen, die trotz Tem­pe­ra­tu­ren über 30 Grad in den Saal des DAI gekom­men waren, dazu auf, nicht nur zuzu­hö­ren, son­dern aktiv die Idee eines offe­nen Hei­del­bergs in Stadt und Gesell­schaft zu tragen.

Mit der Erzäh­lung ihrer eige­nen Geschichte – der Flucht vor dem Regime im Iran, ihrer Ankunft in Deutsch­land 1996 und dem anschlie­ßen­den 10(!) Jahre dau­ern­den Behör­den­ma­ra­thon, der schließ­lich erst zu bit­te­rer Ableh­nung und Aus­wei­sung und dann, durch hart­nä­cki­gen Wider­stand und viel Glück, 2006 zur Nie­der­las­sungs­er­laub­nis führte – berei­chern die Brü­der Masoud, Mojtaba und Milad Sadi­nam die der­zei­tig noch viel zu schwach geführte Debatte um das deut­sche Asyl­sys­tem und eine nötige Reform hin zu einem neuen Ein­wan­de­rungs­ge­setz, das Men­schen, die in Deutsch­land Zuflucht, Bil­dung und Arbeit suchen, nicht das Gefühl gibt, uner­wünscht zu sein. In einer Zeit, in der in Deutsch­land ankom­mende Men­schen in der öffent­li­chen Dis­kus­sion häu­fig als pas­sive, stimm­lose Opfer oder gar als Bedro­hung kon­stru­iert wer­den, spre­chen die Brü­der Sadi­nam selbst und eröff­nen eine kri­ti­sche Innen­per­spek­tive auf das Asyl­sys­tem. (1)

Im Rah­men der Lesung im DAI tru­gen Masoud und Mojtaba Sadi­nam in zwei Blö­cken Kapi­tel aus ihrem Buch vor, die zwei sehr prä­gende Aspekte ihrer Ankunft in Deutsch­land beschrei­ben. Die­sen schlos­sen sich jeweils Dis­kus­sio­nen mit dem Publi­kum an. Der erste Block han­delte von den ers­ten Ein­drü­cken der Jun­gen in Len­ge­rich, wo die Fami­lie dem behörd­li­chen Ver­tei­lungs­schlüs­sel nach in eine Unter­kunft geschickt wurde und auf die Beant­wor­tung ihres Asyl­an­trags war­tete. Die Ein­drü­cke waren ambi­va­lent: scho­ckie­rend die Neu­ig­keit, den recht­li­chen Auf­la­gen zufolge weder eini­ger­ma­ßen viel Geld, noch Schmuck, noch eine Arbeits­ge­neh­mi­gung besit­zen zu dür­fen, die beeng­ten Unter­künfte, die ihnen zuge­wie­sen wur­den, abwei­sende Behör­den,  eine unfreund­li­che Begeg­nung mit einer Super­markt­an­ge­stell­ten; aber auch: die neuen Frei­hei­ten in einer Schule ohne Zäune, Uni­for­men, Geschlech­ter­se­gre­ga­tion und Dik­ta­to­ren­por­träts an den Wänden.

Im zwei­ten Block lasen die Brü­der von der Situa­tion fünf Jahre nach der Ankunft in Len­ge­rich (NRW) – die Frage, ob Asyl gewährt würde oder nicht, war wei­ter­hin offen und die Fami­lie lebte, die­ser exis­ten­zi­el­len Unsi­cher­heit zum Trotz, eine gewisse Nor­ma­li­tät. Im Vor­der­grund stand das Thema, wie sich für die Fami­li­en­mit­glie­der ent­ge­gen trä­ger Behör­den­pro­zesse, die Gefühle von Pas­si­vi­tät, Macht­lo­sig­keit und Aus­ge­lie­fert­sein nach sich zie­hen, neue Hand­lungs­spiel­räume eröff­ne­ten: die Mut­ter setzte gegen den Wider­stand des Amts durch, eine Aus­bil­dung als Kran­ken­schwes­ter begin­nen zu kön­nen; Masoud enga­gierte sich als Klas­sen­spre­cher sowie im Netz­werk „Schule ohne Ras­sis­mus – Schule mit Cou­rage“. Er erfuhr so Aner­ken­nung als Mensch mit einer eige­nen Mei­nung, schie­nen er und seine Fami­lie doch vor der Asyl­ver­wal­tung nur als Zahl und nicht als Men­schen zu gel­ten. Sie hat­ten sich zwar mitt­ler­weile ein Zuhause auf­ge­baut, aber waren noch nicht akzep­tiert und durf­ten sich des­halb nicht hei­misch füh­len. Mit wie­der­hol­ten Ableh­nungs­be­schei­den und schließ­lich der Aus­rei­se­auf­for­de­rung, die die Fami­lie nur mit viel Zeit, Geld, Mühe, Glück und schwer­wie­gen­den psy­cho­lo­gi­schen Fol­gen abweh­ren konnte, hatte das Gefühl der Ohn­macht vor einem ent­mensch­lich­ten und ent­mensch­li­chen­den Ver­wal­tungs­ap­pa­rat sei­nen Höhe­punkt erreicht.

Beide Lese­blö­cke ver­wo­ben die indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen der Fami­lie mit Infor­ma­tio­nen über das zähe und her­ab­wür­di­gende Asyl­ver­fah­ren und über die Situa­tion Ankom­men­der in Deutsch­land. Bereits in ihren ein­lei­ten­den Wor­ten stell­ten Masoud und Mojtaba Sadi­nam klar, dass sie mit ihrem Buch mehr als die Erzäh­lung einer Familien-Fluchtgeschichte bezwe­cken. Sie woll­ten dar­auf hin­wei­sen, dass Asyl in Deutsch­land – trotz vie­ler posi­ti­ver Begeg­nun­gen, vor allem in loka­len Asyl­ver­ei­nen – das Gefühl ver­mittle „uner­wünscht“ zu sein. Für die vie­len Geflüch­te­ten, die der­zeit ihr Leben ris­kier­ten, um nach Europa/Deutschland zu kom­men, höre die Not nicht unbe­dingt bei Ankunft auf. Mojtaba Sadi­nam ver­wies auf die aktu­elle Mitte-Studie, die nahe­lege, dass fast 60% der Befrag­ten in Deutsch­land glau­ben, Geflüch­tete seien in ihren Hei­mat­län­dern nicht wirk­lich in Not, 30% fürch­ten eine „Über­frem­dung“ Deutsch­lands durch Aus­län­der.  Grenz­über­schrei­tung und Migra­tion, so das ein­lei­tende Fazit, könne Ableh­nung bedeu­ten – könne aber auch, so die Uto­pie der Auto­ren, Frei­heit und Wohl­stand bedeu­ten. (2)

Auch ein gewich­ti­ger Teil der in den Publi­kums­dis­kus­sio­nen gestell­ten Fra­gen bezog sich über die Geschichte der Fami­lie Sadi­nam hin­aus auf grö­ßere Sys­tem­zu­sam­men­hänge. Ein Bei­trag eines Zuhö­rers, selbst aus dem Iran Geflüch­te­ter, wider­sprach den ein­lei­ten­den Wor­ten der Auto­ren: Er selbst glaube nicht an eine Uto­pie von Frei­heit und Wohl­stand durch Migra­tion, solange die glo­bale Rea­li­tät aus kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten bestehe, die eine Art moderne Skla­ve­rei för­der­ten, Ungleich­heit ver­schul­de­ten und an natio­na­len Gren­zen als hei­lige Trenn­li­nien fest­hiel­ten. Masoud Sadi­nam griff den Kom­men­tar auf und bestä­tigte die Wich­tig­keit einer The­ma­ti­sie­rung der Flucht­ur­sa­chen und glo­ba­ler Ver­tei­lungs­fra­gen – eine Pro­ble­ma­tik, die weit über Fra­gen des Asyl­rechts hin­aus­gehe. Auch die nega­tive Kon­no­ta­tion soge­nann­ter „Wirt­schafts­flücht­linge“ müsse in die­sem Zusam­men­hang kri­tisch beleuch­tet wer­den. Mojtaba Sadi­nam ergänzte, dass 50% der Men­schen welt­weilt gerade ein­mal zwei Dol­lar am Tag zu Ver­fü­gung hät­ten, also in extre­mer Armut leb­ten. Als Ent­geg­nung auf einen wei­te­ren Publi­kums­bei­trag, wel­cher in der Idee eines „anti-kapitalistischen Kamp­fes“ die Mög­lich­keit von Gewalt befürch­tete, setzte er hinzu, dass wer in ökono­mi­scher bezie­hungs­weise poli­ti­scher Not lebe, andere Ideen von Frie­den und Kampf habe und täg­lich für ein erträg­li­che­res Leben kämpfe.

In einem wei­te­ren Fra­ge­bei­trag, erkun­digte sich eine Zuhö­re­rin nach der „Iden­ti­tät“ der Auto­ren und ob sie sich in Ange­sicht ihrer Erfah­run­gen der Uner­wünscht­heit als deutsch oder ira­nisch fühl­ten. Mojtaba Sadi­nam erklärte, für beide spre­chend, dass sie sich nicht mit einer Nation iden­ti­fi­zier­ten, zumal eine Nation als kon­stru­ier­tes Kol­lek­tiv zu viele ver­schie­dene, wider­sprüch­li­che Aspekte beinhalte. Hier nannte er die Dis­kus­sion um Inte­gra­tion und „deut­sche Leit­kul­tur“, die mit essen­tia­lis­ti­schen Impli­ka­tio­nen nach außen gerich­tet geführt wird, wäh­rend deren Schluss­fol­ge­run­gen in einem inner­deut­schen Kon­text aus­ge­blen­det wer­den – als Bei­spiel nannte er einen Ham­bur­ger Punk, der vom Leit­bild aus­ge­schlos­sen werde.  Eine abschlie­ßende Zuhör­er­frage hakte nach, wie die Brü­der den Wider­spruch wahr­neh­men, dass sie einer­seits die Erfah­rung von Uner­wünscht­sein gemacht hat­ten, nun aber, auf­grund ihres Buches und der Tat­sa­che, dass sie zeit­weise soge­nannte Eli­te­uni­ver­si­tä­ten besucht hat­ten, als „Vor­zei­ge­mi­gran­ten“ ange­führt wür­den. Die bei­den gestan­den, sich dabei ambi­va­lent zu füh­len. Zwar sei es wich­tig, ande­ren Geflüch­te­ten Mut zu machen, aber in der Vor­bild­rolle fühl­ten sie sich nicht wohl – zu ver­schie­den seien die ein­zel­nen Flucht­schick­sale und Kon­texte und zu sehr lasse das vom-Asylbewerber-zum-Elitestudent-Narrativ eine Leis­tungs­ideo­lo­gie erken­nen, anhand derer der Erfolg und die Inte­gra­tion eines Men­schen bemes­sen würde.

Wir dan­ken herz­lich dem Aus­län­der– und Migra­ti­ons­rat Hei­del­berg, dem DAI und den Organisator_innen des Fes­ti­val contre le Racisme für die gelun­gene Koope­ra­tion und die Unterstützung.

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Fotos von http://www.mathieu-blondeau.com/

(1) Im Buch­han­del: Mojtaba, Masoud und Milad Sadi­nam, Uner­wünscht. Drei Brü­der aus dem Iran erzäh­len ihre deut­sche Geschichte, erschie­nen als Taschen­buch um Piper Ver­lag, München-Berlin 2016.

(2) Down­load der an der Uni Leip­zig ange­fer­tig­ten Mitte-Studie 2016: https://www.otto-brenner-shop.de/publikationen/weitere-publikationen/shop/die-enthemmte-mitte.html

Caro­lin Lie­bisch, Juni 2016