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White Men Saving Brown Women from Brown Men”

Indien ermor­det seine Frauen. Meint die Zeit, bzw. ihr Indien-Korrespondent Georg Blume. Und zählt auf: Mäd­chen­morde, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, ver­sto­ßene Wit­wen, chro­ni­sche Man­gel­er­näh­rung, geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Abtrei­bun­gen, Mit­gift­morde. Eine end­lose Liste der Bar­ba­rei. Ein ein­deu­ti­ges, schwarz­weis­ses Bild vom fer­nen Indien formt sich im Kopf des Lesers: Da drü­ben, da leben wilde Hor­den an frau­en­fres­sen­den, bösen Män­nern. Wie gut, dass es hier anders ist. Und noch bes­ser, dass es jetzt zwei mutige, kana­di­sche Wis­sen­schaft­ler gibt, die end­lich den Indern von ihren dis­kri­mi­nier­ten Frauen erzählen.

Gleich vor­weg: nie­mand bestrei­tet die Rea­li­tät die­ser Seite des Bil­des. Die Ver­ge­wal­ti­gungs­rate in Delhi ist im welt­wei­ten Ver­gleich eine der höchs­ten und die struk­tu­relle und teil­weise gewalt­same Benach­tei­li­gung indi­scher Frauen im All­tag ist unbe­streit­ba­rer Teil einer kom­ple­xen, indi­schen Lebensrealität.

Aber etwas fällt auf, stört an die­sem Bild, in dem es zwei klare Fron­ten gibt: Auf der einen Seite der gute Wes­ten, ver­meint­lich frei von Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung, der sich, nobel und selbst­los, ver­bün­det mit den hilf­lo­sen indi­schen Frauen. Und auf der ande­ren das dunkle, das frau­en­quä­lende, männ­li­che Indien.

Etwas passt nicht in die­ser impli­zi­ten, aber deut­li­chen Dicho­to­mie. Und die­ses Etwas ist die über­wäl­ti­gende Reak­tion der indi­schen Öffent­lich­keit auf die bru­tale Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung einer jun­gen Stu­den­tin in Delhi vor drei Mona­ten, die auch west­li­che Bericht­er­stat­tung wie den vor­lie­gen­den Arti­kel der Zeit moti­vierte. Das sind die ent­schlos­se­nen Mas­sen an lau­ten, eman­zi­pier­ten, wüten­den Frauen, die über Wochen hin­weg zu zehn­tau­sen­den auf Del­his Stra­ßen ström­ten. Die Ver­än­de­run­gen for­der­ten, anklag­ten, sich wehr­ten, Hand in Hand mit tau­sen­den von ver­meint­lich unzi­vi­li­sier­ten indi­schen Vergewaltiger-Männern. Es scheint schon fast selt­sam nach der Lek­türe die­ses Arti­kels, aber irgend­wie wis­sen diese indi­schen Frauen offen­bar schon selbst, dass sie dis­kri­mi­niert wer­den. Ganz ohne wis­sen­schaft­li­che Nach­hilfe aus dem Westen.

Das Pro­blem ist: sie pas­sen nicht ins Bild der Zeit und ande­rer west­li­cher Medien. Genauso wenig wie die Män­ner, die an ihrer Seite demons­trier­ten. Die Protagonist_innen im Arti­kel der Zeit, das sind die Unter­drück­ten und Lei­den­den. Zwar erwähnt der Arti­kel auch Inde­rin­nen und Inder, die aktiv und selbst­be­stimmt für Geschlech­ter­gleich­heit in ihrer eige­nen Gesell­schaft kämp­fen; aber sie schei­nen wie Zuschauer_innen, pas­sive Beobachter_innen, Akteure am Rand. Per­so­nen wie die mehr­fach aus­ge­zeich­nete und inter­na­tio­nal renom­mierte indi­sche Ökono­min Jayati Gosh wer­den zwar erwähnt, ihre Rolle reicht aber nicht über die einer pas­si­ven Lie­fe­ran­tin von Fak­ten für die west­li­che Kri­tik hin­aus. Fast kommt der Ein­druck auf, als seien diese kri­ti­schen Stim­men, Ein­zel­fälle in dem von der Zeit gemal­ten Bild, gar keine Inder_innen. Denn die sind schließ­lich dis­kri­mi­nie­rend und frau­en­feind­lich. Oder?

Jayati Gosh lebt und arbei­tet in Delhi. Sie ist Pro­fes­so­rin an der renom­mier­ten Jawa­har­lal Nehru Uni­ver­si­tät in Delhi. Gosh ist Inde­rin. Genauso wie unzäh­lige ihrer Lands­män­ner und –frauen, die in NGOs, als Journalist_innen, in der Regie­rung, in der freien Wirt­schaft und als Teil einer ste­tig wach­sen­den, indi­schen Mit­tel­schicht gegen Miss­stände in ihrem eige­nen Land kämp­fen. Ganz ohne west­li­che Anlei­tung. Nie­mand bestrei­tet, dass es diese Miss­stände gibt. Dass Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung in Indien, sta­tis­tisch gese­hen, bru­ta­ler ist als die in Deutsch­land. Nur ist dies eben nur einer von vie­len Tei­len der indi­schen Rea­li­tät. Unbe­streit­bar gibt es in Indien Slums, Armut, Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Genauso gibt es eine leben­dige und wehr­hafte poli­ti­sche Kul­tur, es gibt Kal­kut­tas blü­hende Kul­tur­szene, Mum­bais absurde Shop­ping Malls, und neu­er­dings eine U-Bahn in Delhi. Das Bild, das die Zeit zeich­net, ist ein Aus­schnitt, zwar ein wich­ti­ger und kri­tik­wür­di­ger, aber einer der sich fest­setzt in den Köp­fen. Der alles andere über­la­gert und die indi­sche Iden­ti­tät ein­sperrt in euro­päi­schen Denk­mus­tern, die auf beun­ru­hi­gende Art und Weise an eine andere Zeit erinnern.

Als Indien noch unter bri­ti­scher Kolo­ni­al­herr­schaft stand, wurde die gene­ra­li­sierte Annahme einer unter­drück­ten, vikti­mi­sier­ten indi­schen Frau­en­schaft zur Legi­ti­mie­rung der bru­ta­len Kolo­ni­al­herr­schaft instru­men­ta­li­siert. Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Gaya­tri Spi­vak erklärte diese Legi­ti­mie­rungs­stra­te­gie mit dem Satz: „White men saving brown women from brown men“*. Der weiße Mann als Ret­ter der indi­schen Frau. Dass die Struk­tu­ren, mit denen indi­sche Frauen auch heute noch zu kämp­fen haben, zum Teil unter der Kolo­ni­al­herr­schaft selbst geschaf­fen wur­den oder im Kon­text des indi­schen Natio­na­lis­mus ent­stan­den, der wie­derum eine Reak­tion dar­stellte auf die kul­tu­relle Unter­drü­ckung und wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung Indi­ens unter den Bri­ten, ist ein Fakt, den die west­li­che Bericht­er­stat­tung gene­rell ‚vergisst‘.

Die Vor­stel­lung, Indien ‚brau­che‘ den Wes­ten oder west­li­che Medien um auf seine eige­nen Pro­bleme auf­merk­sam zu wer­den, ist so alt wie der Kolo­nia­lis­mus. Die Gefahr, die in dem ein­sei­ti­gen Bild liegt wie es u.a. die Zeit malt, ist, dass es schlicht falsch ist. Falsch, nicht weil es nicht wahr ist. Son­dern weil es nur ein Teil ist. Ein Teil, der aber durch stän­dige Wie­der­ho­lung in unse­ren Köp­fen zum ein­zi­gen wird. Ein Bild, in dem die Mas­sen an demons­trie­ren­den, wehr­haf­ten Inder_innen kei­nen Platz haben. Ein Bild, in dem Inder_innen in unse­ren Köp­fen zu ver­stumm­ten, bedürf­ti­gen Men­schen wer­den, ganz weit weg und ganz anders als wir. Was unter­geht in dem Bild, ist die Würde, die Gleich­heit und die Hand­lungs­macht der Inder_innen. Was über­la­gert, sind Ste­reo­ty­pen und die Über­zeu­gung vom Anders­sein anstatt von Ähnlichkeit.

Wir brau­chen keine Bericht­er­stat­tung, die ein beque­mes, ein­di­men­sio­na­les Bild eines Lan­des zeich­net, das halb so groß ist wie Europa und um eini­ges kom­ple­xer als das Welt­bild der Zeit. Was wir brau­chen sind die vie­len Hin­ter­gründe, die Teile, die das ganze, das rie­sige Indien ver­ständ­lich machen. Die uns die Macht neh­men, Men­schen allein über das Nega­tive ihrer Gesell­schaf­ten zu defi­nie­ren. Und die uns die Mög­lich­keit geben, uns gegen­sei­tig zu ver­ste­hen, anstatt zu verurteilen.

* Spi­vak, G. (1988). „Can the Sub­al­tern Speak?“ In: Nel­son, C. & Gross­berg L. (Eds.) Mar­xism and the Inter­pre­ta­tion of Cul­ture. Basing­stoke. S. 297.

Almut Büchsel, März 2013