Illustration von Corinna Assmann

Wie kommt die Frau in den Fußball?

Ein Inter­view mit der Kul­tur­an­thro­po­lo­gin Almut Sülzle

Was ist wohl typisch männ­lich? Na klar, Fuß­ball!!! Ob auf dem Spiel­feld oder auf den Rän­gen der Sta­dien — hier hat die wahre Männ­lich­keit ihr Zuhause. Wer genauer hin­schaut, ent­deckt aber zwi­schen all den jubeln­den Tri­kot­trä­gern immer wie­der weib­li­che Gestal­ten. Wir spra­chen mit der Kul­tur­an­thro­po­lo­gin Almut Sülzle über die Bezie­hung zwi­schen Fuß­ball, Frauen und Männlichkeit.

schwarz­weiss e.V.: Warum lohnt es sich, das popu­läre Thema Fuß­ball durch die Brille der Geschlech­ter­for­schung zu betrachten?

Almut Sülzle: Wenn man Fuß­ball unter­sucht, darf man die Kate­go­rie Geschlecht nicht außer Acht las­sen. Das gilt aber auch anders­rum: Wenn man Geschlecht im Fuß­ball unter­sucht, darf man Fuß­ball nicht außer Acht las­sen. Die Anwe­sen­heit von Frauen im Fuß­ball ist nicht aus der Geschlech­ter­per­spek­tive her­aus zu erklä­ren, viel­mehr steckt dahin­ter schlicht­weg große Begeis­te­rung für den Sport. Obwohl ich wäh­rend mei­ner For­schung im Fan­block der Offen­ba­cher Kickers viele Frauen traf, ist die Fan­kul­tur wie eine Art Män­ner­bund organisiert.

Was macht die Fußball-Fanidentität aus?

Ich traf auf den Steh­plät­zen vor allem jene, die regel­mä­ßig zu den Spie­len kom­men und sich selbst als ‚echte’ Fans von den ‚unech­ten’ abgren­zen. Das Herz­stück des ‚ech­ten’ Fan-Seins ist ganz klar die emo­tio­nale Bin­dung an den Ver­ein, Fuß­ball ist dann das ganze Leben. Ver­bun­den damit ist diese Bedin­gungs­lo­sig­keit: Komme was wolle, das Herz ist nun mal an die­sen Ver­ein ver­lo­ren. Das drückt bei­spiels­weise der Spruch aus: „Wenn meine Oma an einem Spiel­tag beer­digt wird, kann ich lei­der nicht kommen“.

Das Sta­dion ist ein männ­li­cher Bereich und die Fan­kul­tur ein Män­ner­bund – wie genau sieht diese Männ­lich­keit aus?

Im Gegen­satz zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Berei­chen spie­len Gefühle eine große Rolle. Dies schließt gefühls­mä­ßige Bin­dun­gen ebenso ein wie das Zei­gen von Gefüh­len: jubeln, sich umar­men, sich freuen und wei­nen. Hinzu kom­men eine enorme Für­sorg­lich­keit, ein kame­rad­schaft­li­cher sozia­ler Zusam­men­halt unter– und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein für­ein­an­der. Wenn einer so betrun­ken ist, dass er nicht mehr heim fin­det, brin­gen ihn die ande­ren heim.

Kenn­zeich­nend ist aber auch eine gewisse Gewalt­be­reit­schaft und männ­li­che Ehre, was hier vor allem die Abwe­sen­heit der Angst vor Gewalt bedeu­tet. Man weicht nicht zurück, wenn einem einer blöd kommt, son­dern steht sei­nen Mann. Dar­über hin­aus ist es auch ein insze­nier­tes Spiel: Zwar wis­sen alle, dass es etwas Lächer­li­ches hat, den­noch freut sich jeder, wenn sich einer pro­vo­zie­ren lässt.

Neben Gefüh­len und Gewalt wird die Männ­lich­keit auch mit­tels Alko­hol und Rebel­lion insze­niert: trin­ken, laut sein und gegen alles auf­be­geh­ren, was den All­tag sonst ver­re­gelt. Sie schaf­fen sich eine Art Aus­nah­me­welt, was die Meta­pher vom Sta­dion als Reser­vat der Männ­lich­keit bestä­tigt. Viele Män­ner mei­nen, dass sie hier ein­mal die Woche ein rich­ti­ger Mann sein kön­nen: Sie schimp­fen auf Schwule und machen sexis­ti­sche Witze. Den Rest der Woche gehen sie mit ihren schwu­len Freun­den essen und lesen mit der Freun­din Gen­der–Studies-Texte.

Unter­schei­det sich die im Sta­dion gelebte Männ­lich­keit der Fans so stark von ihrer Männ­lich­keit außer­halb des Fußballs?

Beide Männ­lich­kei­ten spie­len zusam­men und der Fuß­ball spielt in die­sem Gesamt­ge­füge eine sehr wich­tige Rolle. Die Fußball-Männlichkeit ist keine hege­mo­niale Männ­lich­keit. Mit hege­mo­nia­ler Männ­lich­keit meine ich jene, die zwar nicht am häu­figs­ten in der Gesell­schaft vor­kommt, aber doch aner­kannt ist und sich weder recht­fer­ti­gen noch erklä­ren muss – Fuß­ball­fans hin­ge­gen müs­sen sich stän­dig rechtfertigen.

Im Gegen­satz zur gesell­schaft­li­chen Mehr­heits­mei­nung pos­tu­liert die Fuß­ball­männ­lich­keit keine Chan­cen­gleich­heit son­dern ist offen sexis­tisch. Den­noch ist die Zahl weib­li­cher Fans in den Sta­dien in den let­zen Jahr­zehn­ten stark gestie­gen. Wo sind die Räume für diese Frauen und auf wel­chen Wegen kom­men sie ins Stadion?

Drei Aspekte sind sehr wich­tig. Der erste und wich­tigste ist, dass Frauen nicht ins Sta­dion gehen, weil dort Sexis­mus ist, son­dern weil sie sich in ers­ter Linie für Fuß­ball inter­es­sie­ren. Der zweite Aspekt ist, dass Fuß­ball ein Ort ist, an dem man anders sein kann als sonst, wo die Rol­len­er­war­tun­gen anders, wenn nicht gar offe­ner sind. So ermög­licht diese strikte Männ­lich­keit den Frauen auch eine gewisse Offen­heit: Sie bie­tet einen Raum, wo sie laut brül­len kön­nen, und es egal ist, was sie tra­gen. Drit­tens kön­nen sich Frauen gegen die­sen Sexis­mus gerade des­halb weh­ren, weil er so offen ist. An ande­ren Orten ist er viel sub­ti­ler und ver­steckt sich hin­ter dem Credo der Chan­cen­gleich­heit. Frauen ler­nen dort, wie Patri­ar­chat und männ­li­che Herr­schaft funktionieren.

Wel­che Stra­te­gien hast du erlebt, wie mit dem Sexis­mus umge­gan­gen wurde?

Ich habe viele Stra­te­gien beob­ach­ten kön­nen. Man­che Frauen über­hö­ren die sexis­ti­schen Bemer­kun­gen ein­fach, da sie aus­schließ­lich wegen des Fuß­balls kom­men, einige machen es sich bewusst und ver­su­chen, dar­über zu ste­hen. Andere wie­derum akzep­tie­ren es als Teil der Fan­kul­tur, in der sie sich wohl füh­len. Dann gibt es auch die­je­ni­gen, die sich aktiv und für alle sicht­bar dage­gen weh­ren wol­len: Sie sin­gen gegen sexis­ti­sche Lie­der an und dich­ten diese um. Auch expli­zit poli­ti­sches Enga­ge­ment fin­det sich in der Fan­szene und wird meis­tens von Frauen und Män­nern gemein­sam getragen.

Es gibt aber auch die Mög­lich­keit, als Frau die­sen Sexis­mus sub­ver­siv zu unter­lau­fen. Ich habe eine Gruppe weib­li­cher Fans ken­nen­ge­lernt, die das Undenk­li­che getan haben, indem sie sich nicht an die Regeln der Männ­lich­keit gehal­ten haben. Diese schlie­ßen alles ‚typisch Weib­li­che’ aus, womit die soge­nannte rosa Weib­lich­keit gemeint ist, mit Schminke und Rüschen, kom­pli­ziert und auf­ge­ta­kelt. Diese Fan­gruppe hat nun genau das unter­lau­fen. Sie waren auf­grund ihres treuen Fan-Daseins und ihres enor­men Fuß­ball­wis­sens als ‚echte’ Fans bekannt, schwan­gen fortan aber rosa Trans­pa­rente. Damit setz­ten sie sich auf iro­ni­sche Art und Weise über das Anti-Weibliche hin­weg und ver­wie­sen auf den imma­nen­ten Wider­spruch, dass Frauen zwar als echte Fans akzep­tiert wer­den, gleich­zei­tig jedoch alles Weib­li­che strikt abge­wer­tet wird. So bewe­gen sie sich inner­halb der Codes des Fußball-Fantums, bre­chen aber gleich­zei­tig abso­lute Tabus.

Gibt es auch tabui­sierte Männlichkeiten?

Ja natür­lich, Schwule. Homo­se­xua­li­tät wird über die Weib­lich­keit aus­ge­schlos­sen, aber auch über das Män­ner­bün­di­sche. Das kame­rad­schaft­li­che Zei­gen von Gefüh­len muss Sexua­li­tät aus­schlie­ßen. Sexua­li­tät ist aber auch gene­rell aus­ge­schlos­sen. Sexu­elle Bezie­hun­gen oder Attrak­ti­vi­tät unter Fans gehö­ren nicht zur Fan­kul­tur dazu.

Sexis­mus und Homo­pho­bie – wer­den im Fuß­ball Mecha­nis­men sicht­bar, die in der Gesell­schaft sonst eher ver­steckt wirken?

Ja, im Fuß­ball kann man sehen, wie die Gesell­schaft damit umgeht: Wenn es Schieds­rich­ter gibt, die ras­sis­ti­sche, sexis­ti­sche oder homo­phobe Sprü­che im Fuß­ball unge­straft durch­ge­hen las­sen, dann sagt das auch etwas über die Gesell­schaft aus.

Kön­nen dann gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen auch zu einem Sin­nes­wan­del im Fuß­ball füh­ren – oder andersherum?

Natür­lich kön­nen wir über Fuß­ball die Gesell­schaft ver­än­dern. So kann die Art und Weise der Fuß­ball­be­richt­er­stat­tung gro­ßen Ein­fluss auf die Ent­wick­lung von Jugend­li­chen haben. Bestimmt hat auch der Umgang von Fuß­bal­le­rin­nen mit Homo­se­xua­li­tät einen gro­ßen Ein­fluss auf junge Frauen. Ich kenne viele Frauen im Fuß­ball, die bewusst poli­tisch han­deln. Zum Bei­spiel hat Tanja Walter-Ahrens über den Fuß­ball sehr viel zur Auf­klä­rung über Homo­pho­bie beige­tra­gen. Wenn man im Fuß­ball etwas ver­än­dert, dann ver­än­dert man sicher­lich auch ein Stück Welt. Und anders­herum: Wenn sich die Welt ver­än­dert, ver­än­dert sich auch etwas im Fuß­ball. Wenn es keine patri­ar­chale Gesell­schaft gibt, dann funk­tio­niert der Fuß­ball auch nicht mehr so, wie erheute funktioniert.

Das Inter­view führ­ten Corinna Ass­mann und Frie­de­rike Faust im Sep­tem­ber 2012

Almut SülzleAlmut Sülzle stu­dierte Empi­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen und pro­mo­vierte anschlie­ßend zum Thema Fuß­ball und Männ­lich­keit. Ihre For­schung fand zu gro­ßen Tei­len im Fan­block der Offen­ba­cher Kickers statt. Heute arbei­tet sie im Archiv der Jugend­kul­tu­ren in Ber­lin. Ihre Dis­ser­ta­tion Fuß­ball, Frauen, Männ­lich­kei­ten erschien 2011 bei campus.

Das Inter­view ist zuerst erschie­nen in Die Pre­ziöse 1/2013