Wild

wild [mhd. wilde, ahd. wildi, eigtl.: im Wald wach­send, nicht ange­baut]: 1. nicht domes­ti­ziert; nicht kul­ti­viert, nicht durch Züch­tung ver­än­dert; wild lebend; wild wach­send; Er stürzte sich auf sie wie ein –es Tier (völ­lig ent­hemmt u. nur dem Trieb fol­gend); 2. a) nicht zivi­li­siert; auf nied­ri­ger Kul­tur­stufe ste­hend: –e Stämme; b) unzi­vi­li­siert, nicht gesit­tet: ein –er Hau­fen; –e Gesel­len; dort herr­schen –e Sit­ten 3. unkon­trol­liert, nicht regle­men­tiert [u. oft ord­nungs­wid­rig od. gesetz­wid­rig]; offi­zi­ell nicht gestattet.

Das Adjek­tiv wild bezeich­nete ursprüng­lich Land­schaf­ten und Tiere, wel­che von den Men­schen nicht kul­ti­viert und domes­ti­ziert wur­den. Die Bezeich­nung trennte den Teil der Erde, wel­cher in ers­ter Linie unter der Nutz­bar­keit für den Men­schen gese­hen wurde, von jenem, auf wel­chen er kei­nen Ein­fluss aus­übte. Wild war folg­lich jener Teil der Umwelt, der außer­halb der Ord­nung und Regeln der mensch­li­chen Lebens­welt und somit außer­halb sei­nes Ver­ste­hens lag.

In der Antike zogen die ver­meint­lich „zivi­li­sier­ten“ Völ­ker eine Grenze zwi­schen ihrem Selbst– und dem „bar­ba­ri­schen“ Fremdbild, wel­ches sie vom Rest der Welt ent­war­fen. Wild bezeich­nete Grup­pen von Men­schen, denen Zivi­li­sa­tion, Sitte, Moral und die Fähig­keit zur Ent­wick­lung einer öffent­li­chen Ord­nung abge­spro­chen wur­den. Es bezeich­nete einen Zustand, den der „zivi­li­sierte“ Mensch für sich selbst als aus eige­ner Kraft über­wun­den ansah. Wild umschrieb in die­sem Sinn Trieb­haf­tig­keit, Zügel­lo­sig­keit, Ord­nungs­lo­sig­keit und ent­warf damit ein abwer­ten­des Gegen­mo­dell zur „zivi­li­sier­ten“ Welt. Dem fol­gend wurde „der Wilde“ als eine Bedro­hung für die eigene Iden­ti­tät ange­se­hen. Beson­ders deut­lich wurde dies im kolo­nia­len Kon­text, wo die „Zivi­li­sa­tion“ direkt mit der „Wild­heit“ kon­fron­tiert war und die kate­go­ri­sche Tren­nung nicht mehr auf­recht zu erhal­ten war. Um die eigene Iden­ti­tät zu bewah­ren rea­gier­ten die Kolo­ni­sie­ren­den mit Maß­nah­men wie „Rassenmisch­ver­bo­ten“ und dua­len Rechts­sys­te­men (bei wel­chem „Weiße“ und „Schwarze“ getrenn­ter Recht­spre­chung unterlagen).

In der Auf­klä­rung, dem Zeit­al­ter der „Ver­nunft“, bekam der Begriff eine neue Dimen­sion. Rous­seau ent­warf das Ideal des „edlen Wil­den“, der mit sich und der Natur, frei von den selbst­ent­frem­den­den Ein­flüs­sen der Moderne, im Ein­klang lebt. Die deut­sche Roman­tik nutzte die­ses Ideal als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Sehn­süchte und Ängste der Men­schen vor der fort­schrei­ten­den Moder­ni­sie­rung und den Wunsch nach Frei­heit von den Zwän­gen einer poli­ti­schen und ökono­mi­schen Lebens­welt, wel­che zuneh­mend das eigene Dasein reglementierte.

Wach­sende mora­li­sche Zwänge eröff­ne­ten zudem eine wei­tere Bedeu­tung von wild. Süd­see­in­su­la­nern wurde bei­spiels­weise nach­ge­sagt, eine „natür­li­che“, freie Sexua­li­tät aus­zu­le­ben, wel­che hier­zu­lande tabui­siert war. In Ber­lin fand 1895 eine Schau­stel­lung mit dem Titel „50 wilde Kon­go­wei­ber“ statt, bei der Frauen schwar­zer Haut­farbe in ver­meint­lich „urtüm­li­cher“ leich­ter Beklei­dung zur Schau gestellt wur­den. Die Dar­stel­lung von „Wil­den“ bot die Mög­lich­keit in einem kul­tu­rel­len Rah­men eine ero­ti­sche Insze­nie­rung zu zei­gen, was nor­ma­ler­weise mora­lisch nicht zuläs­sig war.

Eine sol­che kom­mer­zi­elle Nut­zung der zuneh­mend von Sehn­sucht und Beherr­schungs­fan­ta­sien gelei­te­ten Fas­zi­na­tion sei­tens der Euro­päer für „die Wil­den“, kam im 19. Jahr­hun­dert auf. Ein Bei­spiel hier­für sind die Völ­ker­schauen Carl Hagen­becks. Der Ham­bur­ger Tier­händ­ler orga­ni­sierte Aus­stel­lun­gen, in denen er „Wilde“ ihren Ste­reo­ty­pen ent­spre­chend, wil­den Tie­ren gleich, einem Mil­lio­nen­pu­bli­kum prä­sen­tierte. Genau wie in den zoo­lo­gi­schen Gär­ten wurde das „Wilde“ hier als sei­ner unmit­tel­ba­ren Bedroh­lich­keit beraubt dar­ge­stellt. Diese Dar­stel­lungs­form erwies sich als sehr lang­le­big: noch 1956 wur­den im Ber­li­ner Zoo „Eski­mos“ ausgestellt.

Da exo­ti­sche Motive Auf­merk­sam­keit garan­tier­ten, fan­den sie Ein­zug in die Werbung.

Vor allem Genuss­mit­tel aus der Ferne wie Tabak, Kaf­fee oder Kakao, wel­che erst wäh­rend der Kolo­ni­al­zeit in gro­ßen Men­gen ver­füg­bar wur­den, bewarb man auf diese Weise. Neben die­sen Pro­duk­ten sind es heut­zu­tage vor allem Rei­se­un­ter­neh­men, wel­che mit wil­den Land­schaf­ten, Tie­ren und Völ­kern wer­ben. Vor kur­zem zeigte bei­spiels­weise ein Pla­kat der Firma „Sta­Tra­vel“ einen jun­gen, schwar­zen Mann behan­gen mit einem bun­ten Tuch unter der Über­schrift „Schau der Wild­nis ins Gesicht!“ Es hat sich also nicht viel daran geän­dert, dass Men­schen auf­grund von Merk­ma­len wie ihrer Haut­farbe oder ihrer Her­kunft, nicht aber wegen ihres Ver­hal­tens, kate­go­risch als wild bezeich­net werden.

 

Jan Die­bold und Phil­mon Ghir­mai
Novem­ber 2010